Luftaufnahme des Flughafens Berlin-Tempelhof mit Terminalbogen, Tower, abgestellten Flugzeugen und Menschenmassen auf dem Vorfeld.

Berlin-Tempelhof. Der kurze Traum vom Weltflughafen

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erhoben sich seltsame Flugmaschinen in den Himmel über dem Tempelhofer Feld in Berlin. Gasballons, zigarrenförmige Luftschiffe und die ersten „fliegenden Kisten“ lockten die Berliner zu Zehn-, manchmal Hunderttausenden nach Tempelhof. Zwanzig Jahre später nahmen hier Passagiermaschinen ihren Liniendienst auf. Aus einem „Luftbahnhof“ war der Flughafen Berlin geworden, der zu einem Drehkreuz des europäischen Flugverkehrs werden sollte.

„Der Flughafen von Berlin steht bis heute in Europa ziemlich allein. Er ist in seinen Dimensionen und seiner baulichen Gliederung eine Architekturleistung, vor der man den höchsten Respekt empfindet.“

Dieses Lob des Berlin-Chronisten Mario Krammer galt allerdings nicht dem nach vierzehnjähriger Bauzeit und vielen Pannen doch noch im Jahr 2020 eröffneten Flughafen Berlin-Brandenburg (BER), sondern dem alten Flughafen Berlin-Tempelhof. Der Kulturschriftsteller Krammer bewunderte nicht nur die Weite und Größe dieses monumentalen Bauwerks aus den 1930er Jahren: „Berlin ist die einzige Stadt Europas, in der die aus aller Welt zusammenströmenden Flugzeuge wirklich in der Stadt, in ihrem Zentrum, nicht irgendwo draußen vor den Toren landen können“ (Berlin im Wandel der Jahrhunderte, 1956). Verkehrstechnisch war der Flughafen ans U-, S- und Straßenbahnnetz bestens angebunden.

Das Luftkreuz Europas

Im Inflationsjahr 1923 wurde im Oktober mit der Eröffnung des Flughafens auf dem ehemaligen kaiserlichen Exerzier- und Paradegelände in Tempelhof der Grundstein zum späteren deutschen Zentralflughafen gelegt. „Flughafen Berlin“ stand hoffnungsvoll auf einer Bretterbude am Eingang geschrieben, und nur 150 Passagiere wagten bis Jahresende das Abenteuer eines Flugs. Die Piloten saßen noch im Freien, und die Passagiere wurden gebeten, nicht „mit dem Hut in der Hand aus den Kabinenfenstern zu winken“.

Historisches Schwarzweißfoto: Schild „Flughafen Berlin“ an einer Baracke, daneben ein Mann im Mantel mit Gehstock.
Die „Empfangshalle“: eine Bretterbude (1923)

1925 zählte man bereits über 20.000 Passagiere, und ein Jahr später entstand die Deutsche Luft Hansa (ab 1934 Lufthansa), die Tempelhof zu ihrem Heimatflughafen machte. Sie steuerte mit ihren Junkers-, Dornier-, oder Fokker-Maschinen 57 Ziele im In- und 15 Ziele im Ausland an und baute ihr Streckennetz Jahr für Jahr kontinuierlich aus. Die Luft Hansa entwickelte sich zur führenden europäischen Fluggesellschaft, und Berlin-Tempelhof wurde zum Luftkreuz Europas. Paris, London oder Moskau waren bald in einem Tag erreichbar. Neue und längere Strecken nach dem Mittleren und Fernen Osten und nach Südamerika, natürlich immer noch mit mehreren Zwischenlandungen, rückten in den Bereich des Machbaren. Auch Streckenerprobungen nach China und Japan waren bereits im Gange.

Das steigende Verkehrsaufkommen in der Reichshauptstadt erforderte schließlich eine Vergrößerung und Neugestaltung des Flughafens. 1936 begannen die Arbeiten an der Umsetzung des Flughafenkonzepts von Ernst Sagebiel. Der Architekt hatte eine gigantische geschwungene Hallenanlage entworfen, die ganz dem Geschmack der Naziregierung entsprach. Zeitweise war der Bau flächenmäßig das größte Gebäude der Welt.

Historische Darstellung des Flughafen Berlin-Tempelhof: Entwurf mit gebogenem Terminal und Foto eines Modellensembles mit Platzanlage.
Modelle von 1935

Die „Mutter aller Flughäfen“

Nach drei Jahren war der Flughafen im typischen Stil der NS-Architektur weitgehend fertiggestellt, aber noch nicht in Betrieb genommen worden. Für den Flugverkehr wurde weiterhin das Terminal aus den 1920er Jahren genutzt. Den nordwestlichen Teil des Flugfelds umrahmte ein bogenförmiger Hangar mit 13 dreißig Meter hohen Treppenhäusern, der 1,2 Kilometer lang war und 9.000 Räume beherbergte. Unter dem Mitteltrakt hatte Sagebiel einen Bahnanschluss angelegt, um Umlademöglichkeiten für einen kombinierten Boden-Luft-Güterverkehr zu schaffen. Über die gesamte Länge des Monumentalbaus sollte sich eine Dachterrasse mit Restaurantbetrieb als Tribüne für Zehntausende Menschen für Flugschauen erstrecken. Das Vorhaben blieb aber wie so vieles am neuen Flughafen unvollendet.

Historische Aufnahme vom Bau des Flughafens Berlin-Tempelhof mit Großbaustelle, Straßenbahn und Fahrzeugen vor dem Verwaltungsgebäude.

Die Besucher des Flughafens gingen, vorbei an Reliefs und Skulpturen, durch eine der 21 Eingangstüren und betraten eine aufwendig gestaltete „Ehrenhalle“. Sie gelangten dann in die 15 Meter hohe Empfangshalle in der Mitte des langgestreckten „Kleiderbügels“, wie der Berliner Volksmund den Bau nannte. Hinter den äußeren Muschelkalkfassaden verbargen sich ein funktional konzipierter Flughafen und moderne Bautechnik. Den Weg vom Abfertigungsbereich zum Flugfeld überspannte ein 40 Meter langes trägerloses Stahldach – für die damalige Zeit eine technische Meisterleistung. Die Bereiche Fluggäste, Gepäck, Fracht und Post waren so gegliedert, dass die Passagiere in kürzester Zeit in die direkt am Flugfeld wartenden Maschinen gelangen konnten.

Auch noch lange nach dem Krieg galt Tempelhof als einer der „schnellsten“ Flughäfen der Welt. Für den britischen Stararchitekten Norman Foster war Tempelhof „die Mutter aller Flughäfen“.

Moderne Außenansicht des Flughafens Berlin-Tempelhof: monumentale Sandsteinfassade mit hohen Fensterreihen vor blauem Himmel.

Ein Flughafen für „Germania“

Nach 1939 wurde die Fertigstellung des Riesenbaus gestoppt, der Krieg setzte andere Prioritäten. Der Kriegsverlauf machte schließlich den Phantastereien der Nazis von einem „Weltflughafen“ für die nach dem Endsieg geplante neue Hauptstadt des „Großgermanischen Weltreichs“ ein Ende. Berlin blieb Gott sei Dank Berlin und wurde nicht zum Alptraum „Germania“ umgebaut. Passagierflugzeuge flogen nach Kriegsbeginn nur noch Ziele innerhalb Deutschlands und im neutralen europäischen Ausland an. In den Tempelhofer Hallen wurden jetzt mit Hilfe von Tausenden Zwangsarbeitern unter unsäglichen Bedingungen Rüstungsgüter produziert.

Am 22. April 1945 starteten vom durch Bombardierungen schwer in Mitleidenschaft gezogenen Flughafen die letzten beiden Lufthansa-Maschinen in Richtung München und Travemünde. Sechs Tage später besetzten sowjetische Truppen das Gelände, das sie am 4. Juli an die Amerikaner übergaben. Das einstige Luftkreuz Europas war Vergangenheit, doch der Flughafen Tempelhof wurde keinesfalls bedeutungslos. Im Gegenteil, in der Zeit der Blockade West-Berlins sicherte er das Überleben der Berliner und Berlinerinnen in den drei Westsektoren.

Historisches Schwarzweißfoto: abgestellte Transportflugzeuge auf dem Vorfeld des Flughafens Berlin-Tempelhof, mit Frachtwagen und Terminal im Hintergrund.
Entladung der „Rosinenbomber“, 1948

Die Luftbrücke – Tempelhof schreibt Geschichte

Am 24. Juni 1948 sperrten sowjetische Truppen alle Zufahrtswege nach West-Berlin. In dieser Zeit der Blockade versorgten die Westmächte die 2,2 Millionen eingeschlossenen Menschen aus der Luft – eine Operation, deren Erfolg höchst ungewiss war. Lebensmittel, Zeitungspapier, Windeln, Medikamente, Öl und sogar Kohlen – alles, was die Menschen brauchten, wurde mit Flugzeugen über die drei Luftkorridore nach West-Berlin gebracht. Auf dem notdürftig instandgesetzten Flughafen Tempelhof landete in Spitzenzeiten alle 90 Sekunden ein „Rosinenbomber“, wie die Berliner die Flugzeuge der Alliierten nannten. Neben Tempelhof wurden auch die kleineren Flugplätze in Berlin-Gatow und Berlin-Tegel angeflogen. Zusätzlich landeten auf der Havel Flugboote. Am 12. Mai 1949 gab Stalin die Blockade auf; West-Berlin war vor dem Zugriff der Sowjets gerettet. An die 77 Opfer, die diese gigantische logistische Rettungsaktion forderte, erinnert seit 1951 das Luftbrückendenkmal auf dem Vorplatz des Flughafens.

Mit den steigenden Beförderungszahlen ab den fünfziger Jahren gewann Tempelhof als ziviler Passagierflughafen wieder an Bedeutung. Ab 1964 gab es Direktverbindungen zu allen westdeutschen Verkehrsflughäfen und auch nach Paris, London und New York.

Eine Ikone West-Berlins

Der Aufschwung im Berlinverkehr erhielt durch die Inbetriebnahme großer und schneller Düsenflugzeuge neue Impulse, die zum Ausbau des Flughafens in Tegel und zur Verlegung des gesamten Charterflugverkehrs von Tempelhof nach Tegel führten. (Für die Jets waren Tempelhofs Rollbahnen zu kurz.) 1974 wurde in Tegel die neue sternförmige Flughafenanlage in Betrieb genommen und galt bald bei Passagieren und Piloten als vorbildlich. Ab dann durften nur noch amerikanische Militär- und kleine Privatmaschinen Tempelhof anfliegen, doch 1995 war auch damit Schluss. 2008 starteten mit einem DC-3-„Rosinenbomber“ und einem Junkers-Oldtimer die letzten Flugzeuge vom Tempelhofer Flughafen. Für die meisten Berliner war dies ein trauriger Tag. Sie hatten sich mehrheitlich gegen die Schließung ausgesprochen, doch die Volksabstimmung verfehlte knapp die erforderliche Mindestbeteiligung.

Die Passagierzahlen stiegen in Tegel kontinuierlich an, aber Berlin als „Luftkreuz Europas“ war Geschichte. Auch der 2020 in Schönefeld eröffnete Flughafen Berlin-Brandenburg wird daran nichts ändern. 2023 verzeichnete der BER lediglich sechs interkontinentale Direktverbindungen. (Zum Vergleich: von London aus sind es 138, von Paris 103.) Die Inbetriebnahme des neuen Flughafens vor den Toren Berlins bedeutete zum Bedauern vieler Berliner auch das Ende für den citynahen Tegeler Flughafen. Tegel und Tempelhof waren Flughäfen der kurzen Wege. Berlin-Brandenburg verlangt da den Reisenden weit mehr ab.

Historisches Foto der Abflughalle in Berlin-Tempelhof: großer Innenraum mit Oberlicht, vielen Besuchern und Schaltern entlang der Seiten.

Ältere West-Berliner werden sich an den Flughafen Tempelhof mit Wehmut im Herzen erinnern. Wenn Hollywoodstars wie James Stewart, Sophia Loren oder Gary Cooper zu den Berliner Filmfestspielen anreisten, waren Presse und Schaulustige schnell zur Stelle und warteten in der großen repräsentativen Eingangshalle schon ungeduldig auf die illustren Gäste aus der großen weiten Welt. Tempelhof haftete ein Hauch von Glamour an, der den West-Berlinern in ihrer geteilten und isolierten Stadt guttat. Der Flughafen wurde zu einer Ikone, wie der Funkturm, die Gedächtniskirche, das Brandenburger Tor oder das Olympiastadion. Noch immer ist nicht entschieden, was aus der weitgehend ungenutzten Anlage einmal werden soll. Ein gigantischer Freizeitpark? Ein Kunst- und Kulturzentrum? Bebauung mit Wohnhäusern? Nur eines scheint sicher: Flugzeuge werden niemals mehr vom Rollfeld starten.

Reisen damals-Ausstellungstipp: „Flughafen Tempelhof. Ready for Take-Off“
Der Flughafen Tempelhof ist mit seiner bewegten Vergangenheit Spiegel der jüngeren Weltgeschichte und beeindruckt durch seine monumentale Architektur. Eine Ausstellung anlässlich seines hundertjährigen Bestehens und geführte Rundgänge ermöglichen einen Blick hinter die Kulissen dieses spektakulären Baudenkmals. Die Besucher erfahren Wissenswertes aus der Vergangenheit und über die Pläne für die zukünftige Nutzung nach den Sanierungsarbeiten. Besonders eindrucksvoll sind ein Spaziergang über die riesige Freifläche mitten in der Stadt und der Panoramablick vom THF-Tower, dem ehemaligen Kontrollturm der Flugsicherung.
www.thf-berlin.de

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