Die Harzer Schmalspurbahn – ein täglicher Gruß aus einer anderen Zeit
Wenn ich an meine Jahre an der Hochschule Harz zurückdenke, dann sehe ich nicht nur Seminarräume, Projekte und Studierende vor mir. Ich sehe auch Dampfwolken. Denn unsere Hochschule ist – soweit ich weiß – die einzige Bildungsstätte in Deutschland mit einem eigenen Bahnhof direkt vor der Tür. Die Harzer Schmalspurbahn fuhr so dicht am Gebäude vorbei, dass ich sie aus dem Seminarraum beobachten konnte. Manchmal vibrierte sogar leicht der Boden, wenn die Lok mit ihrem tiefen, rhythmischen Stampfen vorbeizog.
Der Anblick war jedes Mal ein kleines Spektakel: die schwarze Dampflok, schwer und kraftvoll, mit ihren roten Rädern, die sich wie ein Uhrwerk bewegten. Aus dem Schornstein quoll dichter, weißer Dampf, der sich in der kalten Harzer Luft zu einer majestätischen Wolke formte. Dazu das charakteristische Fauchen, Zischen und das metallische Klacken der Räder – Geräusche, die man eher in einem Museum vermuten würde als im Hochschulalltag.
Für viele Touristen ist die Harzer Schmalspurbahn eine Attraktion, die ihresgleichen sucht. Sie verbindet Orte, aber vor allem verbindet sie Zeiten. Wer mit ihr fährt, steigt nicht einfach in einen Zug – man betritt eine andere Epoche. Ich selbst bin oft mit ihr zum Brocken gefahren, und jedes Mal fühlte es sich an, als würde ich eine kleine Zeitreise antreten.
Im Inneren des Zuges setzt sich dieses Gefühl fort. Die Holzbänke, die schmalen Gänge, die kleinen Fenster – alles wirkt, als sei es einem alten Reisebericht entsprungen. Selbst die Fahrkarten tragen ihren Teil dazu bei: ein kleines Stück Karton, das der Schaffner mit einer Zange abknipst. Dieses leise Knips ist wie ein Gruß aus einer Welt, in der Reisen noch langsamer, bewusster und für viele Menschen etwas grundsätzlich Neues war.
Wenn der Zug dann langsam den Brocken hinaufklettert, der Dampf sich in den Bäumen verfängt und die Lok sich mit kräftigen Stößen den Berg hinaufarbeitet, spürt man, wie sehr diese Bahn mehr ist als ein Verkehrsmittel. Sie ist ein rollendes Stück Geschichte – und für mich war sie jahrelang ein vertrauter Begleiter direkt vor meinem Seminarraumfenster. Was wir heute als nostalgisches Erlebnis wahrnehmen, war im 19. Jahrhundert der Beginn einer völlig neuen Art des Reisens.
Warum die Dampflok das Reisen veränderte
Im 19. Jahrhundert war eine solche Fahrt, wie ich sie heute mit der Harzer Schmalspurbahn erlebe, alles andere als selbstverständlich. Bevor die Eisenbahn das Land durchzog, bedeutete Reisen vor allem eines: Zeit. Entfernungen wurden nicht in Kilometern gedacht, sondern in Tagen, manchmal sogar in Wochen. Wer sich auf den Weg machte, tat das mit Pferd, Kutsche oder zu Fuß – und immer mit dem Bewusstsein, dass jede Strecke ein kleines Abenteuer war. Die Dampflok veränderte dieses Verhältnis grundlegend. Plötzlich schrumpften Räume, Wege wurden berechenbar, und das Gefühl, die Welt könne ein Stück näher rücken, wurde erstmals real.
Reisen war lange Zeit ein Privileg weniger. Nur wer über Geld, Muße oder einen besonderen Anlass verfügte, machte sich überhaupt auf den Weg. Für die meisten Menschen war der Alltag eng an den eigenen Wohnort gebunden, und ein Ortswechsel geschah nur, wenn es unbedingt nötig war. Urlaub im heutigen Sinn existierte nicht. Reisen war Ausnahme, nicht Vergnügen. Es war ein Ereignis, das man plante, für das man sparte und das man oft nur einmal im Leben unternahm. Die Vorstellung, allein aus Freude an der Landschaft oder aus Neugier auf andere Orte unterwegs zu sein, war für viele unvorstellbar.
Mit der Eisenbahn begann sich das langsam zu ändern. Die Dampflok brachte nicht nur Geschwindigkeit, sondern auch Struktur. Bewegung wurde planbar. Fahrpläne gaben dem Reisen einen Rhythmus, feste Verbindungen schufen Verlässlichkeit, und bezahlbare Tickets öffneten Türen, die zuvor verschlossen gewesen waren. Technik wurde zum Motor einer neuen sozialen Praxis: Menschen konnten sich Orte erschließen, die lange Zeit außerhalb ihrer Reichweite gelegen hatten. Die Eisenbahn demokratisierte Mobilität – Schritt für Schritt, Fahrt für Fahrt.
Damit war der Grundstein für das gelegt, was wir heute Tourismus nennen. Noch war Reisen keine Selbstverständlichkeit, doch es hatte begonnen, seinen Ausnahmecharakter zu verlieren.
Vom Erlebnis zur Geschichte
Technik, Gesellschaft und Reisen sind eng miteinander verbunden. Was heute als nostalgische Dampflokfahrt erlebt wird, war im 19. Jahrhundert für viele Menschen der erste Schritt hinaus aus dem eigenen Alltag und hinein in eine größere Welt.
Mit genau diesen Anfängen des Reisens beschäftigt sich Horst Kleinert in seinem Buch „Reisen damals – Ein Streifzug durch 150 Jahre Tourismus“. Als Tourismusexperte und Autor hier auf dem Blog zeichnet er darin nach, wie sich aus einzelnen Reiseerlebnissen allmählich ein gesellschaftliches Phänomen entwickelte. Der erste Band widmet sich der Zeit vom frühen Eisenbahnzeitalter bis in die 1920er Jahre – einer Phase, in der das Reisen langsam seinen Ausnahmecharakter verlor und neue Formen annahm.
Wer sich dafür interessiert, wie aus beschwerlichen Wegen, langen Reisezeiten und technischen Neuerungen das entstand, was wir heute ganz selbstverständlich Tourismus nennen, findet in diesem Buch eine historische Spurensuche, die viele vertraute Erlebnisse in einen neuen Zusammenhang stellt.
Informationen zum Buch Reisen damals – Ein Streifzug durch 150 Jahre Tourismus
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