Die DDR solle eine „Kreuzfahrtnation“ sein, forderte Ende der 1950er Jahre ihr Staatsratsvorsitzender Walter Ulbricht. Er meinte, dass die Aussicht auf luxuriöse Kreuzfahrten die Bevölkerung zu höheren Leistungen anspornen würde. Eine richtige Kreuzfahrtnation wurde die DDR zwar nicht, aber in ihrer kurzen Geschichte fuhren zeitweilig immerhin drei Kreuzfahrtschiffe unter ihrer Flagge. Den Anfang machte 1960 die Völkerfreundschaft, 1961 brach die Fritz Heckert zu ihrer Jungfernfahrt auf, und 1985 ging die Arkona erstmals auf Kreuzfahrt – drei Schiffe, auf deren Fahrten die Probleme des Kalten Krieges und der deutsch-deutschen Teilung immer mit an Bord waren.
Die „Traumschiffe des Sozialismus“
Als 1960 der schwedische Passagierdampfer Stockholm zu einem Schnäppchenpreis zum Verkauf stand, zögerte die permanent klamme DDR nicht und erwarb das Schiff. Vier Jahre zuvor war die Stockholm vor New York mit der Andrea Doria zusammengestoßen und schwer beschädigt worden. Der reparierte und aufwendig modernisierte Liniendampfer bekam den Namen Völkerfreundschaft und wurde dem Feriendienst des „Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes“ (FDGB) für Kreuzfahrten zur Verfügung gestellt.
Das 160 Meter lange Schiff war für 568 Passagiere zugelassen, verfügte über ein Außen- und ein Innenschwimmbad, mehrere Restaurants, Sportplatz, Kinosaal und diverse Salons. Und es bot den von Staatssicherheitsdienst und FDGB handverlesenen „verdienten Werktätigen“ an Bord einen Service und Komfort, den sie bestenfalls beim kapitalistischen Klassenfeind vermutet hätten. 1985 wurde die Völkerfreundschaft an eine norwegische Reederei verkauft und durch die größere und luxuriösere Arkona, dem ehemaligen „ZDF“-Traumschiff Astor, ersetzt. In den 25 Jahren im Dienst des FDGB ankerte die Völkerfreundschaft in 117 Häfen in 51 Ländern. Bis heute ist sie der am längsten im Dienst befindliche Transatlantikdampfer der Welt

Die Fritz Heckert war das einzige in der DDR gebaute „Urlauberschiff“, wie Kreuzfahrtschiffe in der DDR genannt wurden. Ihre Jungfernfahrt im Mai 1961 führte sie in den Ostseeraum, später befuhr sie auch das Mittelmeer und den Atlantik. 1972 wurde die Fritz Heckert stillgelegt. Immer wieder hatte es Probleme mit der Stabilität und der Maschinenanlage gegeben, die sich nicht dauerhaft beheben ließen. Bis zu ihrer Außerdienststellung fuhr sie 24 Länder an.
Wie es sich für ein sozialistisches Land gehörte, waren die Fritz Heckert, die Völkerfreundschaft und die Arkona Einklassenschiffe. Ansonsten boten sie den Passagieren einen Komfort, der sich kaum von den damaligen Kreuzfahrtdampfern des Westens unterschied. Das gilt auch für die Freizeit- und Vergnügungsangebote. Zum Leben an Bord gehörten Spiel und Sport, Sonnenbaden, Tanzabende, Filmvorführungen, Showeinlagen und Kostümfeste. Einige wenige Gäste störte der feste Ablauf im Tagesprogramm („schwimmendes Ferienheim“). So tönte auf der Völkerfreundschaft immer um sieben Uhr früh Nana Mouskouris Weckruf „Schön ist der Morgen“ aus allen Lautsprechern, und pünktlich um acht Uhr gab es Frühstück. Zwei Wochen kosteten dank enormer Subventionen „all inclusive“ nur 250 Mark. Kein Wunder, dass die Plätze hochbegehrt waren. Und so gering, wie es heute manchmal heißt, war die Chance, ein Ticket zu ergattern, keinesfalls. Allein auf der Fritz Heckert machten zwischen 1960 und 1972 rund 63.000 Passagiere Urlaub, also jeder 270ste DDR-Bürger. Der Anteil der Reisenden, die sich damals eine Kreuzfahrt leisten konnten, dürfte in der Bundesrepublik deutlich geringer gewesen sein.

Von Rostock aus in die große weite Welt? Ja, aber ohne Landgang
Bevorzugtes Reisegebiet war der Ostseeraum: Helsinki, Leningrad (Sankt Petersburg) und das Baltikum. Bis zum Bau der Mauer im August 1961 und sogar noch einige Zeit danach führten die Fahrten auch durchs Mittelmeer bis an die nordafrikanische Küste. Trotz intensiver Überprüfung der Passagiere gelang einzelnen immer wieder das „unerlaubte Entfernen vom Schiff“. Im Januar 1962 musste die Besatzung der Fritz Heckert feststellen, dass 24 Passagiere vom Nachtausflug in Casablanca nicht aufs Schiff zurückgekehrt waren. Als man nach dem nächsten Halt in Tunis drei weitere Republikflüchtige zählte, erhielt die Schiffsleitung die Order, unverzüglich nach Rostock zurückzukehren. Trotz einer Unwetterwarnung machte sich die Fritz Heckert auf die Heimreise – und geriet im Golf von Biskaya in einen fürchterlichen Sturm. Fensterscheiben zerbrachen, im Maschinenraum brach Feuer aus, und in den Kabinen lagen die Passagiere auf dem Boden und bangten um ihr Leben. Ernsthafte Verletzungen erlitt aber niemand. Danach wurden keine Häfen kapitalistischer Länder mehr angefahren. Trotz des riesigen Kontrollaufwands, an Bord befanden sich bei jeder Reise bis zu drei Dutzend Stasi-Agenten, glückte im Laufe der Zeit über 230 Personen die Flucht von den Traumschiffen des Sozialismus – nicht selten durch einen beherzten Sprung ins Wasser der Ostsee oder des Schwarzen Meers. Der Bosporus eignete sich besonders gut für einen Fluchtversuch: Stand bei einer Fahrt die Passage durch die Meerenge auf dem Programm, befanden sich vorzugsweise linientreue Funktionäre und ältere „verdiente Werktätige“ an Bord. Denen traute man den Sprung ins Wasser nicht mehr zu.
Die Völkerfreundschaft zwischen den Fronten
Im Oktober 1962 hatten die USA rund um Kuba eine Seeblockade verhängt, um die UdSSR von einer Stationierung von Atomraketen auf Kuba abzuhalten. Doch sowjetische Schiffe ignorierten die Blockade und nahmen Kurs auf die Karibikinsel. Jeder Blockadebrecher würde versenkt werden, hatte Präsident Kennedy gewarnt. Genau zu dieser Zeit war die Völkerfreundschaft unterwegs zum neuen Traumziel der DDR-Elite, zum sozialistischen Bruderland Kuba. Das Urlauberschiff befand sich bereits im Blockadebereich, als sich ein amerikanischer Zerstörer näherte. Würde er das Feuer eröffnen? An Bord der Völkerfreundschaft brach Panik aus – bis das US-Kriegsschiff abdrehte. Kennedy selbst hatte grünes Licht für die Weiterfahrt der Völkerfreundschaft nach Havanna gegeben. Die sowjetischen Schiffe hatten kehrtgemacht und damit den Weg für Verhandlungen geebnet. Die Welt atmete auf.
Im Laufe der Jahre wurde die finanzielle Situation der DDR immer prekärer und der Subventionsbedarf für die Kreuzfahrten höher. Um Devisen in die Kassen zu spülen, vercharterte die Regierung meist in den Sommermonaten die Schiffe an westliche Reiseveranstalter. Vor allem westdeutsche und skandinavische Urlauber kamen so in den Genuss unschlagbar günstiger Kreuzfahrten ins Mittelmeer, zu den Kanarischen Inseln und in die Karibik. Statt „Genosse Kapitän“ hieß es auf dem Schiff dann „Herr Kapitän“.

Bei ihrer letzten Fahrt ins östliche Mittelmeer kurz nach dem Mauerfall Im Herbst 1989 war auch auf der Arkona die revolutionäre Stimmung zu spüren. „Wir sind das Volk“, skandierten die Passagiere, der Politoffizier wurde abgesetzt, und einige Genossen traten noch an Bord spontan aus der Partei aus. Mit der Übernahme der Arkona durch die Bundesrepublik am 3. Oktober 1990 endete die Ära der Traumschiffe des Sozialismus – aber nicht der Arkona. Das ehemalige ZDF-„Traumschiff“ befuhr noch viele Jahre die Weltmeere und wechselte mehrmals den Besitzer und den Namen. Erst 2022, nach 41 Dienstjahren, wurde das Schiff in der Türkei verschrottet.
Bildquellen
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- DDR-Kreuzfahrt4: Louis de ShipMania via Wikimedia Commons | CC BY-SA 3.0 Unported
- DDR-Kreuzfahrt1: Horst Sturm, Bundesarchiv, Bild 183-74500-0015 via Wikimedia Commons | CC BY-SA 3.0 Unported




Hochinteressant! Aber was sollte man im Mittelmeer und in der Karibik, wenn man nicht an Land gehen konnte? (Außer Cuba, was ja auf jeden Fall attraktiv war.)
Danke!