Älterer Mann sitzt im Freien auf einer Holzbank und hält einen hellen Hut; historische Schwarz-Weiß-Aufnahme vor Bäumen.

A.E. Johann: „Wo ich die Welt am schönsten fand“

Das Fragespiel ist alt – und immer wieder neu: „Welche zehn Bücher, Songs oder Filme magst du am liebsten? Und warum?“ Schnell wird klar, dass es die eine, für jeden zutreffende Hitliste nicht geben kann. Nicht anders ist es bei der Frage nach den schönsten Ländern der Welt.

Wer aber im Laufe seines Lebens alle Kontinente mehrfach bereist und darüber über achtzig Reisebücher mit einer Gesamtauflage von zwanzig Millionen Exemplaren geschrieben hat, darf sich wohl mit Recht ein kompetentes Urteil darüber erlauben, wo die Welt am schönsten ist. Subjektiv bleibt die Auswahl natürlich dennoch. A.E. Johann (1901 bis 1996) gilt als der bedeutendste deutsche Reiseschriftsteller des 20. Jahrhunderts. 1928 erschien sein erstes Buch. „Mit zwanzig Dollar in den wilden Westen“ wurde auf Anhieb mehr als 150.000-mal verkauft. In den folgenden Jahren unternahm er durch Asien, Amerika, Australien und Afrika ausgedehnte Reisen, über die er in zahllosen Zeitungsartikeln, auf Vorträgen und in Büchern mit großem erzählerischen Talent berichtete. Um Land und Leute zu studieren, scheute A.E. Johann weder Mühe noch Gefahr. Alaska durchquerte er auf dem Hundeschlitten, in der afrikanischen Steppe belauschte er mit der Kamera hautnah Löwen und Elefanten, den Amazonas und den Colorado befuhr er mit dem Kanu, in den Rocky Mountains teilte er mit Holzfällern und Trappern das Lagerfeuer … Er war ein Reisender, der auch immer die Begegnung mit den Menschen suchte.

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Historische Buchseite mit Segelbooten am Ufer, kleiner Reiterszene, Palmenbild und dem Titel „Wo ich die Erde am schönsten fand“.
Buchcover von 1960

1960 zog A.E. Johann in seinem Bestseller „Wo ich die Welt am schönsten fand“ Bilanz. Einfach hat er es sich dabei nicht gemacht, wie das Schlusskapitel des Buchs zeigt:

„Viele Länder und Landschaften haben hier ihre Namen und Vorzüge ins Spiel gebracht. Ich will am Schluss dieses Buches Farbe bekennen und ganz klar sagen, welche Länder ich außerhalb der Heimat Europa als die schönsten und immer unvergesslichen erlebt habe. Unter den Ländern, in denen die Wildnis verwaltet und immer bestimmend bleiben wird, gehört meine größte Liebe Südwestafrika. Unter den alten Ländern mit hoher Kultur und viel Geschichte stelle ich Kaschmir über die anderen. Ich weiß, dass andere anders urteilen werden. Schönheit gibt es nicht ‚an sich‘ sondern nur im Auge des Betrachters – und dafür gilt, dass über den Geschmack nicht zu streiten lohnt.“

Ein einzelner Baum vor hohen Sanddünen in der Wüste, darunter karger Boden und blauer Himmel.
Namibwüste( (Südwestafrika)
Grünes Bergtal mit Flusslauf zwischen bewaldeten Hängen, darüber hohe Wolken und schneebedeckte Gipfel im Hintergrund.
Pahalgam Valley, Kaschmir (Indien)

A.E. Johann verzichtete in seinem Buch aus diesem Grunde auf ein abschließendes Ranking der schönsten Länder außerhalb Europas. „Höher als jede Schönheit sind jene Wochen und Stunden zu werten, in denen ich mich irgendwo – daheim oder draußen – in vollem Frieden mit mir und der Welt befand“. Dennoch, einige Orte hatten es ihm besonders angetan:

das Pare-Gebirge im Nordosten Tansanias, wenn das „erste Gewitter der großen Regenzeit die Schwüle fortgeblasen“ hatte,
die Ufer des Kongo, „wo die langen Einbäume unter den Urwaldwänden gemächlich hingleiten“,
die Savannen Simbabwes, „wo mir die Herden der Impala-Gazellen über den Weg zogen“,
die Dschungelflüsse Thailands, „im blaugrünen Dämmer der über uns zusammenwachsenden Bäume“,
das afghanische Hochland im nördlichen Hindukusch, „wo mir die alten Bauern und Jäger von ihrem einfachen, aber immer umdrohten Leben erzählten“,
die grenzenlose Pampa Argentiniens, „wenn die Gauchos abends um das Feuer saßen und sangen“,
der Nordhang des Kilimandscharo, wenn vor der „Veranda meines Gästehauses sich am frühen Morgen die sanft gewölbte Gletscherkuppe des Kibo in den silberblauen Himmel hob“,
die peruanischen Anden, wo ein grober Pfad „tausend Meter hoch über dem Talgrund in den so gut wie senkrechten Wänden schwebte“.

Felswand mit großer Nische der zerstörten Buddha-Statue von Bamiyan, davor Häuser und im Hintergrund schneebedeckte Berge.
Das Bamyan Valley in Afghanistan. In der Nische befand sich die 55 Meter hohe Buddha-Statue, die 2001 von den Taliban zerstört wurde
Steinterrassen an steilem Berghang mit schmalem Pfad vor hohen, bewaldeten Andengipfeln.
Terrassen im peruanischen Hochgebirge

Ebenso schwärmerisch berichtet A.E. Johann von seinen Beobachtungen und Begegnungen im „goldenen Siam“, im „neuen und alten Japan“, in China, auf den Philippinen in der Wildnis Kanadas und in Afrika, dem Kontinent, dem er besonders zugetan war.

Palmengesäumter Sandstrand mit einfachen Hütten und kleinem Boot im flachen Wasser.
An der Küste Thailands
Breite Wasserfälle stürzen in mehreren Kaskaden durch dichten grünen Regenwald, aufsteigender Sprühnebel erfüllt die Schlucht.
Brasilien, die Iguazu-Wasserfälle
Buddha-Statue auf der Terrasse des Borobudur-Tempels vor grüner Landschaft, Bergen und wolkigem Himmel.
Java, Borobudur
Japanische Burg am Wasser mit roter Brücke im Vordergrund unter klarem Himmel.
Japan, Takashima Castle

A.E. Johanns Beschreibung seiner Suche nach den schönsten Gegenden der Erde handelt nur von Ländern fern von Europa. Nach jeder Reise zog es ihn zurück auf den heimatlichen Kontinent; der Gedanke auszuwandern, kam ihm nie. Und im Schlusskapitel schreibt er, sicher zur Überraschung der Leser, der weitaus schönste Kontinent sei für ihn – Europa: „Nirgends sonst ist auf so kleinem Raum eine solche Vielfalt der Landschaften und Klimata, der Völker und Kultur zu entdecken wie in Europa.“

(Was für ein Trost für alle, die keine Freunde von Fernreisen sind.) Seine besondere Liebe gehörte dabei Irland, der „grünen Insel weit im Westen Europas mit ihren Bergen, Mooren und Felsenküsten, mit den Menschen in den strohgedeckten Steinhütten über der tosenden Brandung“.

Grüne Küstenlandschaft mit Trockenmauern und Steinhäusern oberhalb steiler Klippen am türkisblauen Meer.
Irland, Slea Head

Und dann beantwortete A.E. Johann doch noch, sehr weise, die Frage, die ihn zeit seines Lebens umtrieb: „Am schönsten ist die Erde überall dort, wo Frieden herrscht und Freiheit.“ Das war vor mehr als 60 Jahren und gilt heute mehr denn je. Wenige Jahre nach der Erstveröffentlichung des Buchs begann eine neue Ära der Tourismusgeschichte. Reiseveranstalter wie Neckermann und Touropa brachten per Flugzeug ihre Gäste auf Pauschalreisen wohlbehütet auch in die entfernten Ecken der Welt, in die A.E. Johann nur mit großem Aufwand gelangt war. Der Besuch Kenias, Thailands, der Karibik, Mexikos oder der USA war nun nicht mehr nur Abenteurern oder Spitzenverdienern vorbehalten. Doch der Zauber der großen, weiten Welt begann mit ihrer Erreichbarkeit zu schwinden.

Historisches Reisekatalog-Cover von Neckermann-Fernreisen 1974/75 mit bunten Reisezielen und dem Titel „Die Welt in guten Händen“.
Die weite Welt für alle: Neckermann macht’s möglich

 „Wo ich die Erde am schönsten fand“ von A.E. Johann, erschienen im Sigbert Mohn Verlag, Gütersloh 1960, ist nur noch antiquarisch erhältlich.

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