So erstaunlich es heute klingen mag: Die Karriere der Côte d’Azur als touristischer Hotspot begann Ende des 18. Jahrhunderts – als Winterurlaubsort. Asthma- und tuberkulosekranke Engländer kurierten im milden Klima zwischen Januar und März ihre Atemwegsprobleme aus, im Sommer dagegen standen Hotels und Pensionen leer. Die heiße Jahreszeit galt als ungesund; man fürchtete sich vor Malaria und „schädlichen Dünsten“. Zunächst war es die britische Aristokratie, dann zog es auch den russischen Adel und das wohlhabende Bürgertum an die „French Riviera“. 1863 eröffnete das Casino von Monte Carlo, wo riesige Vermögen ebenso schnell gewonnen wie verloren wurden. Aus dem „maurischen Zimmer“ des 1878 erweiterten prächtigen Belle-Époque-Baus sollen sich dem Vernehmen nach ruinierte Spieler in den Tod gestürzt haben.
Zu einem ersten Tourismusboom kam es aber erst, als 1883 der Calais-Nizza-Rom-Express den Betrieb aufnahm. Zuvor dauerte die Reise von London an die Côte d’Azur mitunter vierzehn oder mehr Tage. In der wilden und verarmten Region zwischen Menton an der italienischen Grenze und Cannes entstanden palastähnliche Hotels, prächtige Wohnhäuser, Sanatorien, Musikpavillons und Casinos für Besucher aus ganz Europa. Sie schätzten die natürliche Schönheit der Küstenlandschaft mit den Bergen im Hintergrund, ob sie nun an Krankheiten litten oder nicht. Nach und nach reisten dann auch Sommergäste an. Sandstrände wurden aufgeschüttet, Palmen aus Nordafrika gepflanzt, Promenaden und Gärten mit exotischen Pflanzen angelegt und immer mehr Nobelhotels gebaut. Nach und nach reisten dann auch Sommergäste an. Sandstrände wurden aufgeschüttet, Palmen aus Nordafrika gepflanzt, Promenaden und Gärten mit exotischen Pflanzen angelegt und immer mehr Nobelhotels gebaut. Auch von Berlin und Amsterdam aus gab es schon früh eine Zugverbindung. Ab dem 1. Dezember 1901 fuhr der Riviera-Express in der Wintersaison Feriengäste nach Menton, ab 1905 sogar täglich.
Künstlertreff und Kulturzentrum
1887 tauchte auf dem Titel eines Reisehandbuchs zum ersten Mal der Name „Côte d’Azur“ auf und prägte das Bild von in allen Farben leuchtenden Blumen, einem tiefblauen Meer, prächtigen Villen und exzellenten Speisen. Die „blaue Küste“ wurde endgültig zu einem Sehnsuchtsziel. Dass die „Côte“ schon früh im Ruf stand, ein Ort der „lockeren Sitten“ zu sein, machte sie für viele nur noch faszinierender. Schon im 19. Jahrhundert war die Küste auch Inspirationsquelle für Maler wie Picasso, Matisse, Chagall, Bonnard, Dufy und Renoir. Sie ließen sich, angezogen von dem besonderen Licht, hier nieder, ebenso Literaten, Komponisten und Bildhauer. Aus verschlafenen Fischerdörfern wurden Zentren der Kunst und Kultur, denen die Menschheit einzigartige Meisterwerke verdankt.
Nizza (Nice), „die Schöne“
Prominentester Ort der französischen Riviera war Ende des 19. Jahrhunderts Nizza. Hier verbrachte ab 1895 Queen Victoria im größten Hotel der Stadt, dem „Regina“, regelmäßig einen Erholungsurlaub. Siebzig Zimmer standen der Königin und ihrem Hofstaat in der Belle Etage zur Verfügung. In Nizza war alles eleganter, teurer und oft auch protziger als anderswo an der Côte d’Azur. Üppig verzierte Villen entstanden, bei denen an Marmor und Gold nicht gespart wurde. Mit Art-Dèco-Prachtbauten wie dem Hotel „Negresco“ von 1912, der palmenbestandenen Promenade des Anglais, den großzügigen Plätzen und Kirchen (darunter die russische Basilika Saint-Nicolas) versuchte Nizza, die anderen Orte zu übertrumpfen.

Ab den 1930er Jahren wurde die Côte d’Azur auch bei weniger Wohlhabenden dank erstmals bezahlter Urlaubstage populär. Von einem Massentourismus konnte zwar noch nicht die Rede sein, aber die einstige Exklusivität und Beschaulichkeit ging langsam verloren. Es war die Zeit, als Millionäre, Modeschöpfer, Filmstars und berühmte Autoren die Hotels, Casinos und Restaurants bevölkerten und sich an den Stränden ohne Scheu vor der neugierigen Öffentlichkeit präsentierten – und die Presse dankbar über manchen kleinen oder größeren Skandal berichten konnte. Im „Hotel du Cap Eden Roc“ am Cap d’Antibes zwischen Cannes und Nizza residierten Cebrilities wie Coco Chanel, König Edward mit Wallis Simpson, Jean Cocteau und Pablo Picasso. Sie verliehen der Côte Glanz und Glamour und machten sie zu einem touristischen Hotspot. Hauptsaison waren jetzt die Sommermonate. Alles war erlaubt, den Küstenstreifen durchwehte ein freier Geist, der auch heute noch zu spüren ist. Marlene Dietrich machte aus ihrer Affäre mit Joseph Kennedy keinen Hehl, in den Ballsälen feierte man dekadente Feste und an den Stränden entdeckte man das Nacktbaden.
Exil unter Palmen
Etwas abseits vom Kerngebiet der Côte d’Azur, östlich von Marseille, war ab Ende des 19. Jahrhunderts das idyllische Künstlerdorf Sanary sur Mer mit seinem malerischen Hafen fast unbemerkt zu einem sommerlichen Treffpunkt der Pariser Bohème geworden. Ab 1933 zogen auch deutsche und österreichische Literaten nach Sanary, allerdings nicht ganz freiwillig. Thomas Mann war der erste der Exilanten, die hier Zuflucht vor der Verfolgung durch die Nazis suchten. Dutzende andere, darunter Lion Feuchtwanger, Bertolt Brecht, Stefan Zweig und Franz Werfel, folgten ihm. Viele Geflüchtete hatten Geldprobleme, und der kleine Provinzort war billiger als Paris. Aber die Sicherheit des Exils währte nur wenige Jahre. Wer nicht nach Portugal oder in die Vereinigten Staaten fliehen konnte, wurde im September 1939 von Frankreich interniert und ab 1942, nach der deutschen Besetzung Südfrankreichs, in die Vernichtungslager deportiert.

Vom Zweiten Weltkrieg war die Côte d’Azur relativ verschont geblieben, und so konnte man an die turbulenten „anées folles“ fast nahtlos anknüpfen. Und das gleich mit einem kulturellen Top-Event: Die Stadt Cannes hatte beschlossen, alljährlich ein internationales Filmfestival zu veranstalten, durch das Cannes zu einem führenden Messe- und Kongressort werden sollte. 1946 war es soweit. Vor dem Hotel „Carlton“ landete ein riesiges Flugboot auf dem Meer mit einigen der berühmtesten Stars Hollywoods an Bord. Sie sorgten auf dem Festival für Glanz und Glamour und weltweite Publicity. Der Plan ging auf. Cannes‘ Hotels waren von nun an auch außerhalb der Saison gefüllt. Filmstars wie Sophia Loren, Gary Grant, Elisabeth Taylor, die junge Romy Schneider, Jean Moreau und Jean Paul Belmondo ließen sich in den fünfziger und sechziger Jahren frenetisch feiern und verwandelten die ehemals beschauliche Stadt in einen turbulenten Jahrmarkt der Eitelkeiten. Einer dieser Stars erwies sich für die Côte d’Azur als wahrer Glücksfall: Grace Kellys Märchenhochzeit 1956 mit Fürst Rainer (eingefädelt von Aristoteles Onassis) machte aus dem ehemaligen Piratennest Monaco eine Oase für steuersparende Superreiche. Ab dieser Zeit begann das Geld die Côte d’Azur zu regieren und Leichtigkeit und Lebensfreude zu verdrängen. Auch das idyllische Saint Tropez blieb davon nicht verschont. Mit dem Zuzug von Brigitte Bardot wandelte sich das Städtchen an der Küste zum mondänen Treffpunkt des internationalen Jetsets.

150 Jahre Mythos Côte d’Azur
Was ist aus der Côte d’Azur geworden? Ihre Faszination konnten auch Bausünden, Nepp und Verkehrsstaus nicht zerstören. Trotz Massentourismus und Billigfliegern hat sich die Côte d’Azur Chic und Exklusivität bewahrt – mit Yachtclubs und Gourmetrestaurants, Casinos und Luxusboutiquen, Beach Clubs und Bars, wo man sieht und gesehen wird. Die berühmtesten Persönlichkeiten des letzten Jahrhunderts haben sich hier getroffen und mit ihrer Lebensfreude und Leidenschaft den einzigartigen Mythos der Côte d’Azur geschaffen. Und bis heute geben sich die Reichen und Schönen (und Oligarchen und Ölscheichs) ihr sommerliches Stelldichein an der azurblauen Küste der französischen Riviera und lassen sich und ihre Yachten und Rolls Royces von den Touristen bewundern. San Remo, Capri, die Amalfiküste, Acapulco, Taormina, Atlantic City, Abbazia (Opatija), Miami Beach, Marbella … alles Traumziele mit einer legendären Vergangenheit. Doch die Königin der luxuriösen „Places to be“ war und ist die Côte d’Azur.
Reisen damals-Lesetipp: „Das Buch von der Riviera“, von Erika und Klaus Mann
Das Buch ist eine Liebeserklärung an die Côte d'Azur. Als Erika und Klaus Mann, Kinder des Nobelpreisträgers Thomas Mann, 1931 einen Reiseführer über die Riviera verfassten, war ihnen das öffentliche Interesse sicher. Mit sichtlichem Vergnügen berichten sie aus dem wilden Marseille, dem mondänen Cannes und natürlich aus Monte Carlo. Leicht und ironisch plaudern sie über Orte und Menschen, ihre bevorzugten Restaurants und Hotels. Ein faszinierendes Dokument über die Riviera zu Beginn der dreißiger Jahre.
Kindler-Verlag
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Bildquellen
- CoteAzure2: Contesjulien,via Wikimedia Commons | CC BY-SA 3.0 Unported
- CoteAzure3: Photochrom Print Collection via Wikimedia Commons | Public Domain Mark 1.0
- CoteAzure4: Pumuckel42 via Wikimedia Commons | CC BY-SA 2.0 DE
- CoteAzure5: Kindler Verlag | All Rights Reserved
- CoteAzure1: Photochrom Print Collection via Wikimedia Commons | Public Domain Mark 1.0




Wir waren mehrere Jahre im Sommer in Saint Tropez und haben es genossen, den alten Häuserfronten in der Altstadt zu folgen.
Es gab zu keiner Zeit Hochhäuser wie z B. In Benidorm.
Dies ist gelungen und wird bis heute bewahrt.