Historisches Porträt eines Mannes mit Schnurrbart im Anzug, als feine schwarz-weiße Stichillustration dargestellt.

David Livingstone – 47.000 Kilometer durch Afrika

Bevor David Livingstone zu einem der berühmtesten Entdecker der Geschichte wurde, hätte sein Leben fast ein jähes Ende gefunden. 1838, mit Mitte zwanzig, zog es ihn nach Afrika – nicht als Forscher, sondern als Missionar. Von der Londoner Missionsstation Kuruman nahe Port Elizabeth im südlichen Afrika aus machte er weite Erkundungsreisen in den Norden, um dort den christlichen Glauben verbreiten zu können. Bei einer dieser Reisen fiel ihn ein Löwe an. Die Wildkatze verbiss sich in seinen rechten Oberarm und fügte ihm mit der Kralle weitere Wunden zu, doch er überlebte den Angriff. Aber sein Arm war von diesem Zeitpunkt an gelähmt.

Historische Illustration eines Löwenangriffs auf einen Jäger in der Savanne, mit bewaffneten Begleitern im Hintergrund.

Schwerverletzt kehrte er nach Kuruman zurück, wurde dort gesund gepflegt und heiratete 1845 Mary Moffat. Die Tochter des Missionsleiters begleitete ihn später auf vielen Expeditionen, bei denen es nicht mehr nur um die Missionierung ging. Längst brannte in Livingstone das Feuer des Entdeckers. Unbekanntes Terrain zu erforschen und zu kartographieren, darin sah er jetzt seine Bestimmung. 1849 durchquerten David und Mary Livingstone als erste Weiße die Kalahari. Zwei Jahre später waren sie die ersten Europäer, die auf den Sambesi trafen. Die genauen geografischen Angaben, die Livingstone von jeder Erkundungstour mitbrachte, veranlassten die Royal Geographic Society, seine weiteren Expeditionen mit Material und Geld zu unterstützen. Insgesamt legte Livingstone auf seinen afrikanischen Reisen 47.000 Kilometer zurück.

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Ein leidenschaftlicher Kämpfer gegen die Sklaverei

Livingstones Forscherkarriere war ihm nicht in die Wiege gelegt worden. Er wuchs in Schottland in ärmlichen Verhältnissen auf und musste schon als Zehnjähriger in einer Mühle täglich vierzehn Stunden arbeiten. Doch er wollte ein besseres Leben. Nachts, nach der Arbeit, erwarb er sich aus Büchern so viel Wissen, dass er zum Theologie- und Medizinstudium zugelassen werden konnte. Sein Wunsch, als Missionar nach China zu reisen, wurde vom beginnenden Opiumkrieg durchkreuzt. Und so ließ er sich von einer englischen Missionsgesellschaft in den Süden Afrikas schicken.

Historische Illustration einer Bootsreise auf einem Fluss, bedroht von einem Nilpferd, während mehrere Männer panisch ins Wasser stürzen.

Am 11. November 1853 brach Livingstone in Zentralafrika zu seiner großen Entdeckungsreise entlang des Sambesi auf. (Seine Frau und Kinder hatte er zuvor nach Kapstadt gebracht, von wo aus sie ein Schiff nach England nahmen.) Mit einigen Begleitern vom Stamm der Makololo folgte Livingstone dem Sambesi flussaufwärts, dann marschierte die Gruppe weiter bis nach Luanda an der Westküste des heutigen Angola. Diese überaus strapaziöse Reise bewältigten die Männer zu Fuß und mit Kanus. Sie mussten Stromschnellen überwinden, wurden von Flusspferden angegriffen und flüchteten vor Krokodilen.

Am Oberlauf des Sambesi sah Livingstone zum ersten Mal die Gräuel des Sklavenhandels mit eigenen Augen. Er war entsetzt vom Anblick der ausgemergelten Körper von Sklaven, die man einfach dort liegen ließ, wo sie zusammengebrochen waren. Er nannte den Sklavenhandel „eine offene Wunde der Welt“ und unternahm von da an alles in seiner Kraft stehende, den afrikanischen, arabischen und europäischen Sklavenhändlern das Geschäft zu verderben.

„Das Wundervollste, das ich je in Afrika gesehen habe“

Als Livingstone und seine Begleiter am 31. Mai 1854 Luanda erreichten, war er völlig erschöpft, abgemagert und fieberkrank. Doch das Angebot englischer Kapitäne, ihn mit in die Heimat zu nehmen, lehnte er ab. Er machte sich trotz Malaria und Ruhr auf den Rückweg, der ein Jahr dauerte, und stieß dabei auf die gigantischen Mosioatunja-Wasserfälle („donnernder Rauch“) – die er zu Ehren der Queen Victoriafälle nannte. Am 20. Mai 1856 erreichte er die Küste des Indischen Ozeans im heutigen Mosambik. Livingstone ist damit der erste Europäer, der den Kontinent von Osten nach Westen durchquert hat. Zurück in England wurde er für diese Leistung als Nationalheld gefeiert. Die Wiedersehensfreude mit seiner Familie war groß, doch bald darauf zog es ihn wieder nach Afrika.

Historische Illustration eines großen Wasserfalls in einer tiefen Schlucht, umgeben von dichter tropischer Vegetation.
Die Victoriafälle (Lithografie von Thomas Baines, 1865)

Im Mai 1858 startete Livingstone, diesmal mit Unterstützung der englischen Regierung, seine zweite große Expedition. In seiner Begleitung befanden sich sein Bruder Charles, der Maler Thomas Baines und vier weitere Europäer. Trotz feindseliger Eingeborener, denen er nach Ansicht seiner Gefährten zu verständnisvoll begegnete, und ständiger Reibereien mit Sklavenhändlern gelang es Livingstone, den Lauf des Sambesi bis auf wenige Teilstrecken zu klären und den Njassasee zu kartieren. Noch im selben Jahr kam Livingstones Ehefrau Mary nach Afrika, um ihren Mann wiederzusehen 1862 verstarb sie im Alter von 41 Jahren an Fieber. Für ihn war ihr Tod eine große Tragödie, die er nie verwinden konnte.

Da die Hoffnung der englischen Regierung auf eine wirtschaftliche Erschließung des von Livingstone bereisten Gebiets sich nicht erfüllt hatte, berief sie ihn 1863 nach London zurück. Dort wartete schon ein neuer Forschungsauftrag auf ihn: Von der Royal Geographic Society erhielt er eine Zuwendung, um die Quellen des Nils zu erkunden. 1866 machte er sich von Sansibar aus mit nur wenigen Begleitern wieder auf die Reise und drang ins Unbekannte vor.

Immer wieder entsetzte ihn der Horror des Sklavenhandels. Am 26. Juni 1866 notierte er im heutigen Malawi in sein Tagebuch: „Unterwegs stießen wir auf die Leiche einer erschossenen oder erstochenen Sklavin; eine Gruppe Eingeborener stand gaffend etwa hundert Schritte abseits; sie erzählten uns, dass ein Araber heute morgen hier vorbeigekommen sei. Da die Sklavin nicht mehr weiterkonnte, hatte er sie aus Wut über den Verlust des Kaufpreises umgebracht.“ David Livingstone wurde auch Zeuge an der Massakrierung von 400 Schwarzen durch arabische Sklavenhändler. Ein vom Journalisten Morton Stanley später veröffentlichter Tagebucheintrag Livingstones über dieses Ereignis hat wesentlich dazu beigetragen, dass Großbritannien den auf der Insel Sansibar herrschenden Sultan mit Waffengewalt dazu zwang, diesen wichtigsten Sklavenhandelsplatz Ostafrikas zu schließen.

Livingstone gelangte zum Tanganjikasee, entdeckt den Mwerusee und den Bangweolosee, aber das Geheimnis der Nilquellen konnte er nicht lösen. Zwei Jahre war er unterwegs und hatte in dieser Zeit nichts vom Weltgeschehen mitbekommen. Für die Öffentlichkeit in Europa und Amerika galt der inzwischen weltbekannte Forscher als verschollen oder gar tot. Und in der Tat war er am Ende seiner Kräfte. Im letzten Augenblick erreichte er krank und fast verhungert, aber mit erstaunlichem Durchhaltewillen, die Arabersiedlung Ujiji am Tanganjikasee. Doch gerettet war er damit noch nicht. Die Vorräte, die man ihm dorthin geschickt hatte, waren gestohlen worden. In Ujiji kam es dann am 10. November 1871 zu der Begegnung, bei der der Satz fiel, der in die Weltgeschichte eingehen sollte.

Historische Illustration einer Begegnung zwischen afrikanischen Männern und einem europäischen Reisenden vor strohgedeckten Hütten.
„Mr. Livingstone, I presume“ (1871)

H. M. Stanley trifft Livingstone: „Dr. Livingstone, wie ich annehme?“

„Ich bin zum Skelett abgemagert. In meiner Verlassenheit gleiche ich dem Mann aus der Bibel, der von Jerusalem nach Jericho ging und unter die Räuber fiel. Nur, dass ich keine Hoffnung habe, dass ein freundlicher Samariter mir zu Hilfe kommt … Eines Morgens kam mein afrikanischer Weggefährte Susi hereingestürzt und schrie, ganz atemlos: ‚Ein Engländer! Ich habe ihn selbst gesehen!‘ Bald sah ich die amerikanische Flagge, nun wusste ich wenigstens, mit welcher Nationalität ich es zu tun hatte. Es war Henry Morton Stanley, Reporter des „New York Herald“, den die Zeitung nach Afrika geschickt hatte, damit er mich auffinde – tot oder lebendig … Nach einer Woche fühlte ich mich im Besitz neuer Kräfte. Ich bin unendlich dankbar. Mr. Stanley hat seine Aufgabe mit unerhörter Energie und großer Umsicht gelöst.“

Mit diesen Worten beschrieb Livingstone in seinen „Reisetagebüchern aus Zentral-Afrika 1866 – 1873“ das legendäre Treffen, das seine Rettung bedeutete.

Mit Henry Morton Stanley unternahm Livingstone eine Erkundungstour zur Nordspitze des Tanganjikasee, die die Afrikaforscher Richard E. Burton und John Speke 1857 bei ihrer Expedition mit 130 Männern und 30 Maultieren vergeblich versucht hatten zu erreichen. Burton vermutete dort irrtümlicherweise einen Zufluss zum Nil.

Das Ende eines großen Forscherlebens

Stanley wollte Livingstone überreden, nach England zurückzukehren, doch das kam für ihn nicht in Frage. Er empfand seine Arbeit als noch nicht beendet und blieb weiter in Ostafrika. Doch das Glück hatte ihn verlassen: Auf seiner letzten Expedition wurde er ausgeraubt und in der Wildnis hilflos zurückgelassen. Zwar schaffte er es noch, seine Hütte zu erreichen, er wusste aber, dass ihm der Tod bevorstand: „Ich bin blass, blutleer und schwach.“ Ständige Blutungen hatten ihm die letzten Kräfte geraubt.

Im Mai 1873 starb David Livingstone im Alter von nur sechzig Jahren. Seine afrikanischen Freunde vergruben sein Herz unter einem Baum am Tanganjikasees; sein Leichnam wurde in der Westminster Abbey zur Ruhe gebettet.

David Livingstone war ein großer Forscher, Menschenfreund – und Abenteurer: „Mir bereitet der Gedanke, unerforschtes Land zu betreten, ein rein physisches Vergnügen. Immer empfindet man das spannende Gefühl lauernder Gefahren.“

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