Porträt eines lächelnden älteren Glatzkopfs mit Brille und grauem Bart in dunklem Hemd vor heller Wand.

Rüdiger Nehberg, Kuno S. Steuben und der Blaue Nil

Im letzten Jahrhundert gab es auf der Erde Gebiete, die noch kein Europäer betreten hatte. Doch nach und nach wurden die weißen Flecken auf den Landkarten aller Kontinente immer kleiner, bis sie so gut wie verschwunden waren. Dennoch ist bei manchen Menschen die Sehnsucht nach ursprünglicher Natur und die Lust an Entdeckungen so stark, dass sie bereit sind, ihre bürgerliche Existenz für ein abenteuerliches Leben einzutauschen. Einer dieser heutigen Pioniere war bis zu seinem Tod Rüdiger Nehberg, im Urteil der Medien „Deutschlands Abenteurer Nr. 1“. Seine Bücher und Vorträge über seine Expeditionen, unter anderem in den Jemen, nach Äthiopien und zum Volk der Yanomamis im Regenwald Amazoniens, bescherten dem Survivalexperten und Menschenrechtler Nehberg eine riesige Fangemeinde. Rüdiger Nehberg überlebte 26 Raubüberfälle, eine Atlantiküberquerung im Tretboot und einen mehrwöchigen Marsch ohne Ausrüstung durch den brasilianischen Dschungel. Seine erste große Expedition führte ihn 1971 nach Äthiopien, in eine fast unbewohnte, wilde Landschaft. Er wollte den Blauen Nil befahren, einen reißenden Fluss, der überwiegend in Schluchten verläuft, voller Krokodile und mit Schlangen an den moskitoverseuchten Ufern. Inspiriert hatte ihn dazu das 1960 erschienenen Buch „Zu den Goldquellen des Amazonas“ von Kuno Schmutnig, der sich als Autor Kuno S. Steuben nannte.

Karte des Blauen Nils von Äthiopien über Sudan mit Lago Tana, Addis Abeba, Roseires-Damm und Verlauf bis Jartún.
Der Blaue Nil

Kuno S. Steuben – Stromschnellen, Krokodile und Banditen

Kuno S. Steuben (1937 – 2004) gehörte in den fünfziger und sechziger Jahren der Bundesrepublik Deutschland zur Spezies der Globetrotter, denen an Wohlstand und Karriere nichts lag. Sie wollten reisen, die Welt erkunden und ein Leben in Freiheit führen. Kuno schmiss sein Medizinstudium, fuhr nach Izmir mit einem Faltboot im Gepäck und paddelte durch die türkische und griechische Ägäis. Danach durchquerte er die Eissteppen Lapplands auf Skiern, heuerte er auf einem Walfänger an und leitete eine Unterwasserexpedition auf den Kanarischen Inseln. 1959, da war er 23, las er in einem Buch, dass der obere Blaue Nil vom Tanasee bis zur sudanesischen Grenze eines der wenigen Gebiete Afrikas sei, die noch nicht genau erforscht werden konnten. Der Gedanke, nach Äthiopien zu reisen und ein Buch über die Bezwingung des Blauen Nils zu schreiben, ließ ihn nicht mehr los.

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Im Herbst 1959 fliegt er nach Addis Abeba, baut sich an einer Nilbrücke ein Floß und lässt sich auf dem wilden Blauen Nil 300 Kilometer flussabwärts treiben, ständig bedroht von aggressiven Riesenkrokodilen: „Die Viecher haben sich auf mich gestürzt, das Floß schwamm ja halb unter Wasser. Wie oft habe ich mich mit dem Paddel wehren müssen, die Füße eingezogen.“ Im Februar 1960 wird er überfallen, kann geschwächt und verletzt auf seinem Floß fliehen und wird schließlich von Einheimischen gerettet und gesund gepflegt. Die folgenden Jahrzehnte verbringt er mit seiner Frau Lili vorwiegend segelnd in den kleinasiatischen Küstengewässern. Kuno S. Steuben starb 2004 in Dalyan in der Türkei.

Buchcover „Zu den Goldquellen der Pharaonen“ von Kuno S. Steuben mit Nil-Landschaft und Bootsmann unter Palmen.
Cover der vergriffenen Ausgabe von 1963 (Ullstein „Bunte leuchtende Welt“)

Zehn Jahre danach: Rüdiger Nehbergs Expeditionen zum Blauen Nil

Nehbergs erste Reise zum Blauen Nil, rund zehn Jahre nach Steubens Höllenfahrt, scheiterte bereits nach kurzer Zeit. Sein Boot, „Marke Eigenbau“, hatte sich so sehr in den Ästen eines Affenbrotbaums verfangen, dass er es aufgeben werden musste. Nur ein Jahr später, 1972, unternahm er zusammen mit dem Kameramann Michael Teichmann einen zweiten Versuch. Diesmal war das Boot stabiler, doch dafür gab es wie schon bei Kuno S. Steuben unschöne Begegnungen mit feindseligen Einheimischen, denen sie gerade noch entkommen konnten. Die dritte Expedition an den Blauen Nil im Januar 1975, wieder mit Michael Teichmann und einem weiteren Freund, endete tragisch: Die Gruppe wird von Banditen überfallen, und es kommt zu einer Schießerei. Teichmann wird von hinten in den Kopf getroffen und stirbt. Nehberg und sein Freund Andor Scholz ziehen ihre Revolver und schießen zurück. „Die Gegner flohen, versteckten sich im Gelände, und wir nutzten die Verwirrung und entkamen über den Fluss. Fünf Tage Flucht. Dann eine Fahndung. Mit Hubschrauber und äthiopischen Soldaten. Und dem Erfolg, dass wir die Täter gefangen haben“, berichtete Nehberg. In seinem Buch „Abenteuer am Blauen Nil“ ist diese Episode enthalten – neben einem Wunsch des Autors, dem allerdings nicht unbedingt nachgekommen werden sollte: „Vielleicht vermag das Buch, Leser zu inspirieren, selbst solche Wagnisse anzugehen. Bis in die Gegenwart hat sich an den Flüssen fast nichts verändert.“

Wasserfälle am Blauen Nil in grüner Landschaft mit Regenbogen, Bäumen und Hügeln im Hintergrund.
Der Blaue Nil

Ein Leben voller Abenteuer und Entdeckungen. Ist das heute noch möglich?

Ein Leben wie das von Kuno S. Steuben, Rüdiger Nehberg oder von Entdeckern wie David Livingstone und Sven Hedin scheint im jetzigen Jahrtausend wie aus der Zeit gefallen. Geografisch gibt es in „fernen Ländern“ so gut wie nichts mehr zu entdecken. (Das war in den 70er Jahren noch anders.) Außer in Kriegs- und Krisenzonen kommt man heute schnell und sicher in jeden Winkel der Welt. Spektakuläre Märsche durch Dschungel und Wüsten von Extremsportlern und Überlebensprofis sind zu sportlichen Höchstleistungen geworden, die man bewundern kann oder auch nicht. Für Rüdiger Nehberg waren sie zumindest in seinen letzten zwanzig Jahren nie Selbstzweck. Durch sie konnte er weltweit die Öffentlichkeit auf gesellschaftliche Probleme aufmerksam machen, die er bis zuletzt leidenschaftlich bekämpfte. Diese Lebensaufgabe war vielleicht sein größtes Abenteuer, für das er sich nicht schonte. 2002 erhielt er für sein Engagement für bedrohte Völker das Bundesverdienstkreuz, 2008 für sein Engagement gegen die Beschneidung der weiblichen Genitalien in Afrika und Asien (www.target-nehberg.de) Vor dem Coronavirus musste auch „Sir Vival“ Rüdiger Nehberg kapitulieren. Er starb am 1. April 2020 im Alter von 84 Jahren in Rausdorf in Schleswig-Holstein.

War Nehberg wirklich „der letzte der großen Abenteurer“, wie der „Spiegel“ 2020 schrieb? Hoffentlich nicht. Die Welt braucht engagierte Abenteurer wie ihn mehr denn je.

Reisen damals-Lesetipp: Rüdiger Nehbergs Expeditionen zum Nil und zum Omo
Dieser Doppelband beinhaltet zwei packende Erlebnisberichte: die Expeditionen an den Blauen Nil, den kaum bezwingbaren afrikanischen Wildwasserstrom, und die Fahrt auf dem reißenden Fluss Omo bis zum Rudolfsee. Allen Warnungen zum Trotz macht Nehberg sich auf den Weg durch die unerbittliche und atemberaubend schöne Wildnis des nordöstlichen Afrikas. Diese Expeditionen begründeten Nehbergs Ruf als einen der bekanntesten Abenteurer der Welt.
464 Seiten, 34 Farbfotos (Taschenbuch), Piper-Verlag, München 2011
Buchcover „Abenteuer am Blauen Nil“ von Rüdiger Nehberg mit Wasserfall, dunklem Himmel und kleinem Autorenfoto.
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