Mitte des neunzehnten Jahrhunderts begann der Fremdenverkehr in Westeuropa sich zu einer einträglichen Industrie zu entwickeln, die bereits alle Erscheinungen des Massentourismus in sich trug. Die damit verbundenen unschönen, aber wohl unvermeidlichen Praktiken verhalfen einem neuen literarischen Berufsstand zum Durchbruch: dem Tourismuskritiker. Einer der prominentesten Vertreter war seinerzeit Theodor Fontane (1819 – 1898): „Ich glaube, dass das ganze moderne Reisewesen sehr reparaturbedürftig ist; auszuhalten ist die ganze Geschichte nur von denen, die gesund und kreuzfidel sind.“ Fontanes Klagen betrafen nicht nur die touristische Infrastruktur. Auch die „leberkranken Nörgler und die Neunmalklugen“ unter den Touristen blieben von ihm nicht verschont. Fontane war nicht verborgen geblieben, dass das Reisen allmählich seine Exklusivität verlor: „Sonst reisten bevorzugte Individuen, jetzt reist jeder und jede.“ Seiner Reiselust tat das aber keinen Abbruch; wie viele Tourismuskritiker war auch er selbst ein leidenschaftlicher Reisender. „Mehr als Weisheit aller Weisen, galt mir reisen, reisen, reisen“, reimte er im hohen Alter. Theodor Fontanes Reisen führten ihn nach den Lehr-und Wanderjahren in Deutschland als Journalist, Kriegsberichterstatter und Verfasser von Reiseberichten nach Österreich, England, Schottland, Italien, Frankreich und Dänemark. Am Schreibtisch hielt es den späteren Romancier nie lange.
Wandern auf Fontanes Spuren
Fontanes bekanntestes Reisewerk sind die „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. In fünf Bänden beschreibt er Schlösser, Klöster, Orte, Landschaften der Mark Brandenburg und ihrer Menschen. Die Idee zu den „Wanderungen“ kam ihm während seiner Schottland-Reise im Sommer 1858. Der Anblick der alten schottischen Burg Loch Leven rief in ihm ein wehmütiges Bild vom Brandenburger Schloss Rheinsberg hervor. Die Rheinsberg-Tour in der Heimat sei nicht minder schön als die schottische gewesen, schrieb er. Sein „aus Liebe und Anhänglichkeit an die Heimat“ geborener Entschluss, in Zukunft die „Kostbarkeiten der Landschaft und Kultur“ zu Hause, statt im Ausland zu suchen, ließ ihn zwischen 1859 und 1889 dreißig Jahre lang immer wieder die Mark Brandenburg durchwandern. Unzählige Erholungsuchende tun es ihm heute gleich und lassen sich von ihrer weiträumigen Natur und den sagenumwobenen Stätten der Vergangenheit verzaubern.


Fontanes fünf Empfehlungen für richtiges Reisen
„Ob du reisen sollst, so fragst du? Die Antwort auf diese Frage ist nicht leicht. Und doch würde es gerade mir nicht anstehen, sie zu umgehen oder wohl gar ein „nein“ zu sagen. So denn also ‚ja‘. Aber ‚ja‘ unter Vorbedingungen. Lass‘ mich Punkt für Punkt aufzählen, was ich für unerlässlich halte.
Erstens: Wer reisen will, der muss zunächst Liebe zu ‚Land und Leuten‘ mitbringen, mindestens keine Voreingenommenheit. Er muss den guten Willen haben, das Gute gut zu finden, anstatt es durch kritische Vergleiche totzumachen.
Zweitens: Der Reisende muss sich ferner mit einer feineren Art von Natur- und Landschaftssinn ausgerüstet fühlen. Es gibt grobe Augen, die gleich einen Gletscher oder Meeressturm verlangen, um befriedigt zu sein. Diese mögen zu Hause bleiben. Es ist mit der Natur wie mit manchen Frauen. ‚Auch die hässlichste‘ – sagt das Sprichwort – ‚hat immer noch sieben Schönheiten.‘ Wenige Punkte sind so arm, dass sie nicht auch ihre sieben Schönheiten hätten. Man muss sie nur zu finden verstehen. Wer das Auge dafür hat, der wage es und reise.
Drittens: Wenn du reisen willst, musst du die Geschichte dieses Landes kennen und lieben. Dies ist ganz unerlässlich. Wer ein altes Schloss sieht, das mehr hässlich als gespensterhaft aufragt, wird es für ein Landarmenhaus halten und entweder gleichgültig oder wohl gar in ästhetischem Missbehagen an ihm vorübergehen; wer aber weiß: ‚hier, an diesem Fenster stand der Kronprinz‘, der sieht den alten unschönen Bau mit anderen Augen an.
Viertens: Du musst nicht allzu sehr durch den Komfort der ‚großen Touren‘ verwöhnt und verweichlicht sein. Es wird einem selten das Schlimmste zugemutet, aber es kommt doch vor, und keine Lokalkenntnis, keine Reiseerfahrung reichen aus, dich im Voraus wissen zu lassen, wo es vorkommen wird und wo nicht. … Wo es gut sein könnte, da triffst du es vielleicht schlecht, und wo du das Kümmerlichste erwartest, überraschen dich Luxus und Behaglichkeit.
Fünftens und letztens: Wenn du das Wagstück wagen willst – ‚füll‘ deinen Beutel mit Geld‘. Glaube nicht, weil du die Preise kennst, die Sprache sprichst und sicher bist vor Kellnern und Kutschern, dass du sparen kannst. In vielen bereisten Ländern kann man billig reisen, wenn man anspruchslos ist. Ist dies nicht der Fall, so gib es auf. … Nimmst du Anstoß an solchen Preisen und Ärgernissen – so bleibe zu Hause.“
Diese fünf Tipps stammen aus dem Vorwort von „Die Grafschaft Ruppin“, weggelassen sind hier lediglich die Ortsangaben. Ist es nicht erstaunlich, wie aktuell Fontanes Ratschläge aus dem Jahr 1864 auch heute noch klingen?
Über den Wert des Reisens
„Das Reisen hat seine Gefahren wie alles andere; wer sie nicht mit in Kauf nehmen will, muss zu Hause bleiben“, warnt Fontane und empfiehlt, das Abenteuer auch „jenseits der großen Straße“ zu suchen. Worauf sich der Reisende dabei allerdings gefasst machen muss, schilderte er spöttelnd und selbstironisch in vielen Briefen und Berichten. Seine Seufzer über ungehobelte Kellner, geldgierige Hoteliers, unzuverlässige Eisenbahnen, nervende Mitreisende, lausige Quartiere mit „gefüllten Nachttöpfen der Vorgänger“ unterm Bett und – immer wieder – über gruselige Klos („jeder Ort in Deutschland scheitert am Örtchen“) lesen sich ausgesprochen vergnüglich.
Nie wäre es Fontane in den Sinn gekommen, wegen derartiger Unzulänglichkeiten aufs Reisen zu verzichten. Wer reist, benötige eben auch „Reiseglück“. Der Nutzen des Reisens stand für ihn außer Frage. Reisen erweitere den Horizont und zeige, dass „hinterm Berg auch Leute wohnen“. Es führe zu neuen bereichernden Bekanntschaften und „stärkt Geist, Körper und Seele“.

Reisen damals-Ausflugstipp: Eine Spreewaldfahrt wie zu Fontanes Zeiten Ob der Spreewald das schönste aller von Fontane erwanderten Gebiete Brandenburgs ist, dürfte eine Geschmacksfrage sein. Uckermark, Schorfheide, die Märkische Schweiz oder Fontanes Heimat, das Havelland, verzaubern ebenfalls jeden Besucher. Ohne Zweifel ist aber der Spreewald mit seinem verzweigten Netz von Spreearmen und Spreekanälen weltweit eine einzigartige historische Kulturlandschaft, die man noch immer so vorfindet, wie sie Theodor Fontane erlebt hat. Im August 1859 besuchte der Dichter das Spreewalddorf Lehde. In seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ beschreibt er es als „bäuerliches Venedig“, als „Lagunenstadt im Taschenformat“, bei der sich der tägliche Verkehr auf dem Wasser abspielt. Von Berlin aus ist der Spreewald in ein bis zwei Stunden zu erreichen. Eine Kahnfahrt durch die baumbestandenen Kanäle gehört zu den faszinierendsten touristischen Erlebnissen, die Deutschland zu bieten hat. www.spreewald.de
Reisen damals-Lesetipp: „Kleines Brevier für Reisende und Sommerfrischler“
Aus Fontanes Briefen und seinen unterhaltsamen Reiseschilderungen hat der Fontane-Experte Gotthard Erler die schönsten Äußerungen zum Thema Lust und Last des Reisens ausgewählt. Was den großstadtgestressten Schriftsteller erboste, was ihm die Laune gründlich verdarb und woran er sich wieder aufrichtete, all das präsentiert er mit einer Brillanz, die Vergnügen bereitet.
Taschenbuch, 159 Seiten. Erschienen im Aufbau Verlag, Berlin (2019)*
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