„Kann man denn nirgends mehr hinreisen?“, lautet der Stoßseufzer so mancher Globetrotter nach der morgendlichen Zeitungslektüre. Traurig, aber wahr: Mit der wachsenden Zahl der politischen Krisenherde ist die Welt des Tourismus kleiner geworden. Gebiete, die vor der Jahrhundertwende mit spektakulären Natur- und Landschaftsbildern oder exotischen Begegnungen Reisende lockten, fehlen heute in den Katalogen der Reiseveranstalter. Nicht ohne Grund. 2025 warnte das Auswärtige Amt vor dem Besuch von über fünfzig Ländern oder Regionen, darunter viele, die seit eh und je zu den Traumzielen des Tourismus gehörten: Syrien mit den Tempeln von Palmyra, Kaschmir mit seinen paradiesischen Gärten, Afghanistan, das zu den schönsten Reiseländern der Erde zählte, Mali mit der sagenhaften Oasenstadt Timbuktu, Sudan, Iran, Myanmar, Libanon, Zentralafrika … alle derzeit verschlossen, zerstört oder zu gefährlich. Verloren für immer? Hoffentlich nicht. Heute die fünf folgenden Reisebeschreibungen zu lesen, alle aus der „goldenen Zeit des Reisens“, stimmt wehmütig. Dass die Länder für den Tourismus verloren sind, ließe sich noch verschmerzen. Nicht aber das Leid, das Ausplünderung, Krieg und Fanatismus über die Bevölkerung gebracht haben.
Kaschmir – Perle im Himalaya

Das war einmal: „Kaschmir, das zwischen Indien, Pakistan und China umstrittene Himalaya-Hochtal, gehört zu den schönsten Flecken der Erde. Ob am Dal-See im indischen Teil oder am Kachura-See in der pakistanischen Region, der Zauber dieser einzigartigen Gartenlandschaft nimmt jeden Reisenden gefangen. Lotusblüten auf tannenumsäumten Gletscherseen, in denen sich die weißen Bergspitzen der höchsten Berge der Welt spiegeln, von reißenden Bächen durchzogene Blumenwiesen, uralte Pilgerpfade und Mogulgärten, endlose Tulpenfelder, Moscheen, Tempel und historische Festungen … in der Tat ein irdisches Paradies. Unzählige Hausboote warten auf die Touristen, die sich in den schwimmenden kleinen Palästen wie Maharadschas fühlen dürfen. Händler legen mit ihren Gondeln direkt am Boot an – ein schwimmender Markt von Obst, Blumen, Teppichen, Schmuck und Kunstgewerbearbeiten. Unvergesslich ist ein Abend auf einer Donga, einem langen Vergnügungsboot. Lehnen Sie sich in die Kissen zurück und lauschen Sie den traditionellen Liebesliedern, die von einer Art Violine und einer Trommel begleitet werden. Und dann lassen Sie sich mit einem Glas Kawa-Tee in den Sonnenuntergang treiben.“
Heute: Mit bürgerkriegsähnlichen Unruhen muss jederzeit gerechnet werden. Grenzstreitigkeiten zwischen Pakistan und Indien. „Das schönste Konfliktgebiet der Welt“ (Der Spiegel).
Venezuela – Trekkingtouren im Canaima-Nationalpark

Das war einmal: „An der Grenze zu Guyana und Brasilien liegt der Canaima Nationalpark mit seinen bis zu 2.742 m hohen uralten Tafelbergen. Überall ergießen sich zwischen üppiger tropischer Vegetation türkisfarbene und smaragdgrüne Wasserfälle in malerische Lagunen. Hier liegt auch der höchste freifallende Wasserfall der Erde, der Salto Ángel. Mit 979 m Höhe ist er fünfzehnmal höher als die Niagarafälle. Entdeckt wurde er 1935 von einem amerikanischen Buschpiloten, der einen legendären Goldberg suchte. Zu den touristischen High Lights gehören Flussfahrten auf dem Río Carrao, Besuche in traditionellen Indianersiedlungen, Dschungelwanderungen und Trekkingtouren. Von den rustikalen Dschungel-Lodges an der Laguna de Canaima aus starten Rundflüge und Ausflüge zu Fuß, mit dem Jeep oder mit motorisierten Kanus.“
Heute: Gewaltkriminalität, Ausnahmezustand, Versorgungsnotstand und gewalttätige Proteste.
Äthiopien – Abenteuer auf dem Dach von Afrika

Das war einmal: „Viele Landschaften sind von atemberaubender Schönheit wie zum Beispiel das Äthiopische Plateau mit seinen gewaltigen Tafelbergen und den tiefen, steilen Tälern, dem Tana-See und den Tisisat-Wasserfällen am Blauen Nil. Die äthiopische Graben- und Senkungszone mit den erloschenen Vulkanen, den Seen, Wüsten und wildreichen Savannen lässt sich gut auf organisierten Safaris mit Geländewagen und Zeltausrüstung erkunden. Die weit voneinander entfernten kulturellen Sehenswürdigkeiten sollte man am besten mit den legendären amerikanischen DC-3-Propellermaschinen anfliegen. Zu den wichtigsten Zielen eines Rundflugs zählen die alte Kaiserstadt Gonder, die Klöster auf den Tanasee-Inseln, die Felsenkirchen von Lalibela und Aksum, die alte Krönungsstadt.“
Heute: In zahlreichen Gebieten kommt es regelmäßig zu gewaltsamen Protesten und bewaffneten Auseinandersetzungen. Bürgerkrieg in Tigray.
Syrien – im Land der Basare und Moscheen

Das war einmal: „Syrien ist ein Mikrokosmos, der die Geschichte, die Kunst und die Naturschönheiten des gesamten Orients auf kleinem Raum widerspiegelt. Eine Reise durch das Land ist ein wunderbares Abenteuer, eine faszinierende Begegnung mit einer allgegenwärtigen Vergangenheit und einer modernen, lebendigen Gegenwart. In Damaskus stößt man auf Spuren einer jahrthundertealten Geschichte: die römischen Wallanlagen, byzantinische Kapellen, die große Moschee, die Basare mit ihren bunten Läden – all das erregt Geist und Fantasie. In Mittelsyrien erheben sich aus der goldfarbenen Wüste wie Zauberbilder aus einem anderen Zeitalter die Kreuzritterburg Crac des Chevaliers und die sagenhaften Ruinen der Oasenstadt Palmyra. In ihren leuchtenden Marmorkonstruktionen weht noch der Geist der sagenhaften Königin Zenobia. Nicht zu vergessen sind Homs mit seinen einzigartigen Wasserrädern, Aleppo mit seiner Zitadelle und Latakia mit dem von den Phöniziern entworfenen Hafen.“
Heute: Der Bürgerkrieg ist zwar vorbei, doch Ausländer können ebenso wie syrische Staatsbürger Opfer terroristischer Anschläge werden. Die politische Lage scheint sich allerdings zunehmend zu stabilisieren.
Jemen – Märchen aus 1001 Nacht

Das war einmal: „Jemen ist das Land der sagenumwobenen Königin von Saba und Stätte einer der bedeutendsten Zivilisationen des Nahen Ostens. Zahlreiche Bauwerke und kulturelle Zeugnisse aus dieser Blütezeit, unendliche Wüsten, blaues Meer, Gebirgszüge und tief eingeschnittene Wadis lassen die Reise zu einem arabischen Märchen werden. Die teilweise über fünfhundert Jahre alten, acht- bis neunstöckigen Lehmhäuser zeugen von der immer noch lebendigen Kultur, die geprägt wurde von osmanischen, jemenitischen und arabischen Einflüssen. Beim Bummel durch die Hauptstadt Sana’a erlebt man buntes orientalisches Treiben. Der Besuch alter Königs- und Hafenstädte, die Besichtigung prächtiger Paläste und die Begegnungen mit den stolzen, gastfreundlichen Einwohnern hinterlassen unvergessliche Eindrücke. Touren mit dem Landrover und beduinischen Guides führen durch phantastische Berg- und Wüstenlandschaften zu einsamen Wadis, Palmenhainen und alten Dörfern entlang des Arabischen und Roten Meeres.“
Heute: Alle Deutschen werden zur Ausreise aufgefordert. In Jemen kommt es immer wieder zu terroristischen Anschlägen. Westliche Ausländer sind besonders gefährdet.
Kann man noch in die verlorenen Paradiese reisen? Ja, aber …
Kein Bürger und keine Bürgerin im Besitz eines gültigen Passes der Bundesrepublik Deutschland kann daran gehindert werden, ins Ausland zu fahren. Erfüllt man die Einreisebestimmungen des Ziellandes, ist der Weg grundsätzlich frei für den Besuch auch von Ländern, für die eine Reisewarnung gilt – selbst von Hochrisikostaaten wie Afghanistan, Haiti oder Südsudan. Die Frage ist nur, ob man auch heil aus dem Land wieder herauskommt. Warnungen vor Reisen in ein Land oder in eine Region eines Landes werden vom Auswärtigen Amt (AA) nur dann ausgesprochen, wenn akute Gefahren für Leib und Leben bestehen. Insofern ist es dringend geboten, die aktuellen Hinweise und Empfehlungen des AA zu beachten (www.auswaertiges-amt.de/ReiseUndSicherheit).
Wer das Risiko einer Reise in die „lost paradises“ scheut, aber dennoch den Nervenkitzel sucht, kann stattdessen Touren zu sogenannten „dark places“ der Geschichte buchen – Schauplätze einstiger Unglücke, Kriege oder spektakulärer Verbrechen. Veranstalter, die sich auf den sogenannten Katastrophentourismus („schwarzer Tourismus“) spezialisiert haben, gab es schon vor hundert Jahren.
„Dark tourism“ anno 1921: Besichtigung der Schlachtfelder von Verdun
Reisen zu Orten, an denen es zu Tragödien kam, sind sicher nicht jedermanns Sache, erfreuen sich aber anscheinend zunehmender Beliebtheit, und das nicht nur heute: Im Jahr 1921 wurden in den „Baseler Nachrichten“ organisierte Autofahrten über die Schlachtfelder von Verdun angeboten, dorthin, wo im Ersten Weltkrieg 1,5 Millionen Soldaten den Tod fanden. Versprochen wurden „unvergessliche Eindrücke“ (Höhepunkt: „Einlagerung der Überreste nicht identifizierter Gefallener im Beisein der Reisegäste“), „erstklassige Verpflegung, Wein und Kaffee“ und „das alles für 117 Franken“. Der österreichische Schriftsteller Karl Kraus hatte seinerzeit dafür nur bittere Worte übrig. Er verachtete die Veranstalter, „die aus dem Tod einen Spott und aus der Katastrophe ein Geschäft machen“.

Die Motivation, „dark places“ zu besuchen, reicht von schlichtem Voyeurismus bis zu ernsthaftem historischen Interesse. Angeboten werden beispielsweise Besichtigungstouren nach Tschernobyl (bis 2022), zu den Killing Fields in Kambodscha, nach Soweto und Robben Island in Südafrika, zum Ground Zero in New York, zum Obersalzberg, der ehemaligen Alpenfestung Hitlers, und zur „Villa Mussolini“ in der Emilia-Romagna mit einer Führung durch die Wohn- und Arbeitsräume des „Duce“.
Wer hundert- bis zweihunderttausend Dollar übrighat, kann auch eine Tauchfahrt zum Wrack der 1912 untergegangenen „Titanic“ in 3.800 m Tiefe unternehmen. Nach dem Unglück des Tauchboots „Titan“ im Juni 2023 mit fünf Toten sind die Fahrten allerdings vorläufig eingestellt worden.

Bildquellen
- Lost-Places2: Bilal Javed Awan via Wikimedia Commons | CC BY-SA 3.0 Unported
- Lost-Places3: Tyraelux via Wikimedia Commons | CC BY-SA 3.0 Unported
- Lost-Places4: Rod Waddington from Kergunyah, Australia, via Wikimedia Commons | CC BY-SA 2.0 Generic
- Lost-Places5: Wilhelms via Wikimedia Commons | CC BY-SA 3.0 Unported
- Lost-Places6: yeowatzup via Wikimedia | CC BY 2.0 Generic
- Lost-Places7: State Archives of North Carolina via Wikimedia Commons | no known copyright restrictions
- Lost-Places8: Courtesy of NOAA/Institute for Exploration/University of Rhode Island via Wikimedia Commons | Public Domain Mark 1.0
- Lost-Places1: Privatarchiv Kleinert | All Rights Reserved



