Anders als der Orient-Express ist der Nord-Express heute weitgehend unbekannt, obwohl er einst zu den berühmtesten europäischen Zügen zählte und Schauplatz spektakulärer Kriminalfälle war – letzteres allerdings nur in der Fantasie von Autoren und Regisseuren. Verbrechen in einem Luxuszug – Krimis nach diesem Rezept funktionieren immer.
Mord. Kommissar Maigret, der am Pariser Nordbahnhof auf die Ankunft des Nord-Express wartet, wird von Bahnbeamten zu Hilfe gerufen. In der Zugtoilette befindet sich ein Toter, der aus kurzer Distanz erschossen worden ist … (Pietr, der Lette, Roman von Georges Simeon, 1935, zweimal verfilmt)
Verschwörung. Auf einer Fahrt mit dem Nord-Express lernt der Tennisstar Guy zufällig den aus reicher Familie stammenden Bruno kennen. Sie planen das perfekte Verbrechen: Bruno solle Guys Frau töten und Guy im Gegenzug Brunos verhassten Vater … (Verschwörung im Nord-Express, Film von Alfred Hitchcock,1951, nach dem Roman von Patricia Highsmiths Zwei Fremde im Zug)

Entführung. Gangster bringen den Nord-Express unter ihre Kontrolle, um ihren verhafteten Boss zu befreien. Zollinspektor Kressin und seinen Mitstreitern gelingt es, die Ganoven im Zug zu überwältigen … (Kressin stoppt den Nord-Express, Tatort-Krimi von 1971)
Aber all diese Thriller hatten nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Eine Zugfahrt mit dem Nord-Express war nicht aufregender als mit dem heutigen ICE – nur pünktlicher.
Der Traum von einer Fernzugverbindung Lissabon-Paris-Sankt Petersburg
Georges Nagelmackers, der visionäre Chef der Compagnie Internationale des Wagons-Lits (CIWL), hatte schon einmal alle bürokratischen, politischen und technischen Widerstände überwunden, um einen Traum zu verwirklichen. 1883 hatte er es geschafft. Erstmals fuhr eine Eisenbahn quer durch Europa ins über dreitausend Kilometer entfernte Konstantinopel – der Orient-Express. Doch dabei sollte es nicht bleiben. Nagelmackers nächstes Ziel war eine transkontinentale Verbindung mit Luxuszügen zwischen Lissabon und dem Russischen Reich. Auch hierbei gelang es ihm, die diversen staatlichen und regionalen Streckenbetreiber von seinem Projekt zu überzeugen. Erster Schritt war die Inbetriebnahme des Süd-Express, eines Nachtzugs, der ab 1887 Paris mit Lissabon verband. Die Strecke war so erfolgreich, dass dort die großen Schifffahrtslinien die Fahrpläne ihrer Übersee-Dampfer mit dem Süd-Express abstimmen mussten.
Als nächstes plante Nagelmackers die umsteigefreie Weiterführung des Süd-Express bis nach Sankt Petersburg, dieses Vorhaben ließ sich aber aus technischen Gründen nicht umsetzen. So entschied er sich, eine zweite (getrennte) Verbindung zwischen Ostende/Paris und Sankt Petersburg einzurichten – den Nord-Express, der 1896 den Betrieb aufnahm. Nord- und Süd-Express waren die modernsten Züge ihrer Zeit. Die Entfernung von Russland bis Portugal konnte jetzt für damalige Verhältnisse außergewöhnlich schnell und komfortabel bewältigt werden.

Vor dem 1. Weltkrieg zählte der Nord-Express zu den luxuriösesten Fernzügen Europas. Er verband Ostende (mit Anschluss an London) mit Paris, Hannover, Berlin, Dünaburg (das heutige Daugavpils in Lettland) und Sankt Petersburg. In Dünaburg bestand ein Anschluss über Kurswagen an die Transsibirische Eisenbahn und damit bis Peking. Die vier Schlafwagen und der Speisewagen waren aus dunkelbraunem Teakholz gefertigt, und wie beim Orient-Express entsprach die Inneneinrichtung mit viel Prunk und Plüsch dem damaligen Standard eines Grandhotels. Insbesondere Adlige, Künstler und Literaten aus dem Zarenreich wussten Luxus und Komfort des Nord-Express zu schätzen. In dieser Zeit wurde der Zug zur Legende. Aber auch Legenden leben nicht immer ewig …
Eine umsteigefreie Verbindung nach Russland ließ sich allerdings nicht realisieren, da in Russland die Spurweite der Eisenbahn breiter ist als in Westeuropa. So wurde eine Anschlussstrecke von Sankt Petersburg nach Eydtkuhnen an der heutigen litauischen Grenze eingerichtet. Dort mussten die Fahrgäste den Zug wechseln.

Die wechselvolle Geschichte des Nord-Express zwischen den Kriegen
Nach dem 1. Weltkrieg war die große Zeit des Nord-Express vorbei. Die schlechte Wirtschaftslage in Europa und insbesondere in Deutschland führte zu einem starken Rückgang der Zahl der Passagiere. Die CIWL konnte nur noch Kurswagen einsetzen, die von D-Zügen mitgeführt wurden und von Paris über Deutschland nach Warschau und Riga fuhren („Paris-Berlin-Riga-Warschau-Express“). Erst 1926 wurde der Nord-Express mit Anschluss an Ostende/Calais zwischen Paris und Warschau wieder als eigenständiger Luxuszug mit Schlaf- und Speisewagen eingesetzt. Ab 1929 betrieb die CIWL einen Schlafwagenzug von Paris nach Hamburg, ab 1935 mit einer Weiterführung nach Kopenhagen. Im gleichen Jahr gelang es, Nord- und Süd-Express zusammenzuschließen. Damit gab es endlich die direkte Verbindung zwischen Lissabon und Sankt Petersburg – so, wie sie Georges Nagelmackers rund fünfzig Jahre zuvor geplant hatte. Doch mit dem Beginn des 2. Weltkriegs war damit Schluss.
Nach dem Krieg verkehrte der Nord-Express zwischen Paris und Stockholm (über Aachen, Bremen, Hamburg, Flensburg und Kopenhagen). Berlin-West, das hinter dem Eisernen Vorhang lag, blieb ausgeklammert.
1951 verlor der Nord-Express nach vielen Streckenänderungen und -kürzungen den Status als Luxuszug und wurde zu einem normalen internationalen Schnellzug heruntergestuft. Ab Mitte der 70er Jahre fuhr er von Paris über Berlin nur noch bis Stockholm. Den Schlafwagenbetrieb begann man ab dann einzustellen. Zuletzt verkehrte der Zug auf der Route Ostende-Kopenhagen. 1997 kam für den Nord-Express das endgültige Aus.

Nord- und Süd-Express sind Geschichte
Die ursprünglich durchgehende Verbindung des Süd-Express von und nach Paris wurde Mitte der 1990er Jahre an der spanisch-französischen Grenze durchbrochen und der französische Abschnitt mit einem TGV-Schnellzug bedient. Ab 2018 startete der Süd-Express in Fahrtrichtung Lissabon bereits im französischen Hendaye, um wieder einen direkten Anschluss an den TGV aus Paris herzustellen. Infolge der Covid-Pandemie wurde die verlustreiche Zugverbindung 2020 eingestellt und ist inzwischen endgültig gestrichen worden.
Von Lissabon bis Sankt Petersburg, direkt und ohne umzusteigen? In einem Luxuszug? Die Verwirklichung dieses Traums von Georges Nagelmackers dürfte aus heutiger Sicht in weite Ferne gerückt sein.

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