Zeichnung eines Dampferschiffes

Die Reise der Augusta Victoria: die erste Luxus-Kreuzfahrt

Dass der Erfinder der Kreuzfahrt der Direktor der HAPAG, Albert Ballin, gewesen sei, stimmt – aber nicht ganz. Richtig ist, dass Ballin 1890 als erster einen Liniendampfer so umrüsten ließ, dass das Schiff für die besonderen Annehmlichkeiten einer luxuriösen Kreuzfahrt geeignet war. Kreuzfahrtähnliche Reisen, die dort wieder endeten, wo sie begonnen hatten, gab es aber schon vorher. So bot die britische Reederei P & O Cruises ab 1844 Vergnügungsreisen nach Gibraltar, Malta und Athen an. Und 1867 nahm der Schriftsteller Mark Twain an einer mehrmonatigen Kreuzfahrt von New York durch das Mittelmeer teil, die mit einem gecharterten Dampfsegler durchgeführt wurde.

Die „Orientfahrt“ – die erste „echte“ Kreuzfahrt

Unstrittig ist, dass Albert Ballin die Idee der Kreuzfahrt zu einem Geschäftsmodell weiterentwickelt hat, das sich weltweit, trotz Corana und Klimakrise, wachsender Beliebtheit erfreut. Die Erfolgsstory dieser innovativen Reiseform begann im Januar 1891, als der HAPAG-Dampfer Augusta Victoria vom Kai in Cuxhaven zu einer zweimonatigen Luxusreise aufbrach.

Albert Ballin hoffte, mit Kreuzfahrten der Kostenfalle zu entkommen, in der die HAPAG steckte. Die Linienschiffe, die auf der Nordatlantikroute verkehrten, lagen wegen der rauen See in den Wintermonaten vor Anker. Noch erwirtschaftete die Reederei Gewinne, doch für einen profitablen Betrieb der Passagierdampfer bedurfte es neuer Konzepte. Um eine ganzjährige Auslastung zu gewährleisten, schickte Ballin im Winter die Schiffe in wärmere Gegenden – auf Vergnügungsreise ins Mittelmeer. Den Anfang machte die Augusta Victoria. Eine der größten Erfolgsgeschichten der Reiseindustrie hatte begonnen.

Historisches Werbeplakat
Amerikanische Werbeanzeige für eine Orientfahrt der Augusta Victoria (1897)

Mit 174 gut betuchten Passagieren an Bord, darunter auch Albert Ballin selbst, ging es zunächst bei bitterer Kälte nach Southhampton. Diese erste Etappe konnten nur wenige Gäste wirklich genießen. Die von Eisschollen bedeckte See war so aufgewühlt, dass die meisten vor Übelkeit lieber sterben wollten, als sich an den beim Dinner gereichten exzellenten Speisen zu erfreuen. Ab Gibraltar beruhigte sich das Wetter und die Stimmung an Bord wurde zunehmend besser. Überall, wo die Augusta Victoria vor Anker ging, ob in Genua, Alexandria, Jaffa, Beirut oder Konstantinopel, erregte das 145 m lange elegante Schiff mit seinen drei mächtigen Schornsteinen Aufsehen. Über Malta und Lissabon ging es zurück nach Cuxhaven. Die Augusta Viktoria war das bis dahin größte Schiff, das die Straße von Gibraltar passiert hat. Die Ausstattung des modernen Schnelldampfers und der Service der 245-köpfigen Besatzung ließ keine Wünsche offen. Die übliche strenge Klasseneinteilung gab es nicht; alle Passagiere genossen einen 1.-Klasse-Status. Die großzügig bemessenen Kabinen verfügten über Heizung, fließendes Wasser und elektrisches Licht – 1891 ein Novum. Erstklassige Köche sorgen für die Verpflegung, und das Unterhaltungsprogramm und Tanzabende ließen keine Langeweile aufkommen. Auf dreizehn, meist mehrtägigen Ausflügen besichtigen die Gäste Sehenswürdigkeiten wie den Tempelberg in Jerusalem, die Ausgrabungen in Pompeji, die Akropolis oder Konstantinopels Hagia Sophia. Ein Höhepunkt war der Ritt auf Kamelen zu den Pyramiden von Gizeh. Einige Kreuzfahrtgäste bestiegen sogar dieses antike Weltwunder (heute drohen dafür drei Jahre Haft). Nachfolgende Touristen waren dabei sicher für die Tipps aus dem Baedeker-Reiseführer „Ägypten“ von 1897 dankbar:

„Die Besteigung der Pyramide ist ungefährlich, aber anstrengend. Der gewöhnliche Aufgang ist an der NO-Ecke. Man nimmt zwei Beduinen und begibt sich dorthin. Mit den beiden Führern, denen man die Hände reicht, zur Seite, nötigenfalls noch mit einem dritten hinten, geht es dann über die 1 m hohen Stufen aufwärts. Die gewandten und kräftigen Leute ziehen, stützen und schieben den Reisenden am liebsten ohne Aufenthalt bis hinauf. Man nehme ihre Hilfe ganz ordentlich in Anspruch, lasse sich aber durch ihr Geschrei nicht irre machen, sondern schiebe den Ehrgeiz, rasch hinaufzukommen beiseite, und ruhe sich nach Belieben aus, wäre es auch noch auf der letzten Stufe. Denn das ungewohnte Klettern greift die Muskeln in hohem Grade an und treibt das Blut in den Kopf. Bitten um Bakschisch weise man ab und sehe unterwegs auch zu, dass man nichts aus den Taschen verliere. Die Besteigung lässt sich in 10 – 15 Minuten wohl ausführen. Die Verwendung der doppelten Zeit wird aber niemand bereuen, es ist höchst unangenehm, in erhitztem Zustand oben anzulangen. Die obere Fläche misst gegenwärtig 10 m im Quadrat, so dass selbst eine größere Gesellschaft Platz zu freier Bewegung hat. Das Hinabsteigen von der Pyramide geht schneller, ist aber nicht minder unangenehm, namentlich für Schwindlige. Von Gefahr ist aber nicht die Rede. Jedenfalls nehme man fortwährend die Hilfe der Beduinen in Anspruch.“

Foto vom Aufstieg auf eine Pyramide
Schieben und Ziehen bis auf die Spitze
Foto mit einer Reisegrupp vor Sphinx
Sightseeing mit Kamel und Esel

Für die Orienttour brauchte man nicht nur viel Zeit, sondern auch sehr viel Geld. Je nach Kabinengröße kostete die Kreuzfahrt mindestens das drei- bis vierfache Jahresgehalt eines Durchschnittverdieners im Kaiserreich.

Die Reise war ein voller Erfolg. Der gewiefte Geschäftsmann und Reklameprofi Albert Ballin hatte auch vier Journalisten mit an Bord genommen, deren Reiseberichte bei den Lesern der großen Zeitungen auf großes Interesse stießen. Unter den Passagieren war auch der Maler und Zeichner Christian Wilhelm Allers, der mit seinem Bildband „Erinnerungen an die Reise der Augusta Victoria in den Orient“ für zusätzliche Aufmerksamkeit sorgte.

Segelschiff mit Dampfantrieb
Prinzessin Victoria Luise, das „Vergnügungsschiff“

Als der erste Dampfer der Welt, der speziell für Kreuzfahrten gebaut wurde, gilt die Prinzessin Victoria Luise, die im Dezember 1900 für die HAPAG fertiggestellt wurde. In den darauffolgenden Jahren besuchten immer mehr Kreuzfahrtschiffe Häfen fast aller Kontinente. Und kurz vor dem Ersten Weltkrieg bot der amerikanische Ableger der HAPAG, die Hamburg-American Line, eine Reise rund um die Welt auf dem Dampfer Cleveland an (135 Tage, ab New York, ab 900 $, all inclusive) an.

Die Geschichte der Kreuzfahrt begann 1891 mit 174 Passagieren. 2019 waren es allein in Deutschland mehr als 2,5 Millionen Menschen, die eine Kreuzfahrt gebucht hatten.

Reisen damals-Buchhinweis: Die Reise der Augusta Victoria ins Mittelmeer
Christian Bunnenberg: „Mit der Augusta Victoria ins Mittelmeer: Die Geschichte der ersten deutschen Kreuzfahrtreise im Jahr 1891“, 300 Seiten.  (Osburg-Verlag, Hamburg). 
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