Postkutsche

Mit der Stagecoach auf der Butterfield Overland Route durch den Wilden Westen

1857 genehmigte die US-Regierung den Plan des Mitbegründers der American Express Company, John W. Butterfield, eine Kutschenverbindung zwischen Missouri und Kalifornien auf einer Route zu errichten, die auch im Winter befahren werden konnte. Noch im gleichen Jahr startete jeden Donnerstag und Freitag in Tipton (Missouri) und in San Francisco eine Postkutsche (Stagecoach) mit sechs oder mehr Passagieren und Postgut an Bord. Die 4.500 km lange Fahrt auf der Butterfield Overland Route („Oxbow Route“) dauerte 22 Tage, wobei meist auch nachts gefahren wurde.

Die Fahrt führte durch Arkansas, Texas, New Mexico, Arizona und Kalifornien. Die Butterfield Company beschäftigte mehr als 800 Personen, hielt an über 130 Stationen und hatte 250 Postkutschen der Concord-Klasse auf einmal im Einsatz. Im März 1860 wurde das Unternehmen aufgrund hoher Schulden von Wells Fargo & Co. übernommen. Wells Fargo ersetzte 1861 die Route durch eine fast 1.000 km kürzere zentrale Route, die durch die Territorien von Kansas, Colorado und Utah verlief. (Die südliche Strecke war wegen mehrfacher Überfälle von Banditen und Indianern immer unsicherer geworden.) Der Amerikanische Bürgerkrieg zwang Wells Fargo, die zentrale Route wieder aufzugeben. Auch nach der Eröffnung der transkontinentale Eisenbahnverbindung 1869 und dem Ausbau des Schienennetzes in Ost und West verkehrten bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf vielen Teilstrecken weiterhin Postkutschen.

Bericht des Auswanderers Jakob Dorn über seine Reise nach Kalifornien

Im März 1858 fährt der Deutschamerikaner Jakob Dorn von New York per Eisenbahn und Raddampfer nach St. Louis. Er kauft sich ein Ticket der Butterland Overland Mail Company für eine Fahrt mit der Postkutsche nach San Francisco. Hier ist sein Bericht über die Reise quer durch den Kontinent:

Das Ticket kostete 200 Dollar. Das war nicht wenig, etwa so viel hatte ich in New York als Buchdrucker in einem halben Jahr verdient. Es war mein letztes Geld, doch das war es mir wert: In San Francisco sollte ich die Leitung einer Zeitungsdruckerei übernehmen.

Route eine Postkutsche in Nordamerika
Butterfield Overland Route (Oxbow Route)

In der Butterfield-Agentur fiel mein Blick auf die Tafel mit den Verhaltensregeln für Reisende:

  • Alkoholkonsum ist nicht gestattet, ebenso das Rauchen von Zigarren oder Tabakspfeifen.
  • Das Fluchen ist in Anwesenheit von Damen und Kindern zu unterlassen.
  • Das Wageninnere darf nicht in schmutziger Kleidung betreten werden.
  • Es geziemt sich nicht, die Schulter des Nachbarn als Kopfkissen zu benutzen.
  • Schusswaffen sind erlaubt, dürfen aber nur in Notfällen benutzt werden.
  • Im Falle des Durchgehens der Pferde springen Sie nicht aus dem Wagen.
  • Verboten sind Gespräche über Politik, Religion und Überfälle von Indianern und Banditen.
  • Respektloses Verhalten gegenüber Damen führt zum Ausschluss von der Weiterfahrt.
  • Seien Sie immer pünktlich, lassen Sie die Kutsche nicht warten!

Früh am nächsten Morgen bestieg ich mit drei weiteren Fahrgästen den Wagen. Der Kutscher ließ die Peitsche knallen, und dann trabten die sechs vorgespannten Pferde auf einer holprigen Sandpiste hinaus auf die weite Ebene. Hier begann die endlose Prärie – eine wogende Grasfläche, unterbrochen von Kornfeldern und einzelnen Baumgruppen. Meine Reisegefährten, eine junge Familie mit zwei kleinen Kindern und ein Mann in den Fünfzigern, wollten nur bis ins 160 Kilometer weit entfernte Tipton fahren – die Familie, um Verwandte zu besuchen, der ältere Herr, um sich als Zahnarzt niederzulassen. Am Gürtel trug er einen schweren Revolver, der meine Neugier erweckte.

„Falls einer von diesen roten Brüdern sich in unserer Nähe blicken lässt, jage ich ihm eine Kugel in seinen verdammten Schädel“, erklärte er mir.
Ich verspürte wenig Lust, mich mit dem Mann weiter zu unterhalten. Wie viele weiße Amerikaner hielt er es für ein gottgegebenes Recht, dass die eingewanderten Europäer und ihre Nachkommen Herren über das Land waren. Meine Sorglosigkeit war allerdings verflogen. Sollte es zu einem Überfall kommen, würden wir wohl kaum überleben. Zwar kam es gelegentlich vor, dass Indianer eine Kutsche anhielten, aber nur, um ein paar Felle gegen Whisky oder Zucker einzutauschen. Wenn der schießwütige Doktor dann ernst machen sollte, wäre unser Leben keinen Pfifferling mehr wert. Schnell würden wir von einer ganzen Horde von Indianern umringt sein. Gegen diese Übermacht könnte auch unser mit einer Doppelbüchse bewaffnete Begleitschutz oben auf dem Bock nur wenig ausrichten.

Postkutsche mit Pferden
Concord-Kutsche auf Überland-Fahrt, bewacht von mehreren Soldaten (1869)

Unsere Fahrt war eine höchst unbequeme Angelegenheit. Die Sitzbänke waren zwar dick gepolstert, doch die Federung der Kutsche verursachte ein ständiges Schaukeln. Das junge Paar, das mir gegenübersaß, wurde zunehmend blasser und stiller. Ich hoffte nur, dass ihr Kampf gegen die Übelkeit erfolgreich sein würde. Am Nachmittag ließen wir die letzten Getreidefelder hinter uns. Das Grasland begann welliger zu werden und die Wege noch schlechter. Etwa alle fünfzehn Meilen wurden der Kutscher, sein bewaffneter Begleiter auf dem Bock und die Pferde gewechselt. Zeit zum Füße vertreten, blieb dabei kaum. Nach wenigen Minuten ging die Fahrt weiter. Am späten Nachmittag würden wir Tipton erreicht haben. Das Schaukeln machte mich allmählich schläfrig…

Plötzlich gab es einen Ruck, der Wagen blieb abrupt stehen. Am Fenster erschien das Gesicht des Kutschers.

„Herrschaften, bitte steigen Sie aus. Wir haben ein kleines Problem. In einer halben Stunde geht es weiter.“

Anscheinend hatte sich eine der Federn vom Wagenboden gelöst und musste mit einem Lederriemen wieder befestigt werden. Während der Kutscher und sein Begleiter unter dem Wagen hantierten und dabei von dem Paar und dem Doktor beobachtet wurden, lief ich ein paar Schritte zurück. Die Sonne blendete mich so stark, dass ich für einen Moment die Augen schließen musste. Als ich sie wieder öffnete, fuhr mir der Schreck wie ein Blitz durch die Glieder. Vor mir, etwa zwanzig Meter entfernt, standen zwei hochgewachsene Gestalten. Indianer!

Die beiden trugen Kleidung aus braunem Wildleder, und um den Hals hingen mehrere farbige Ketten mit Brustmedaillons. In ihrem schulterlangen Haar steckten Federn. Über Stirn und Wangen liefen rote Querstreifen. Der Ältere hielt Pfeil und Bogen in der Hand, der andere, deutlich jünger, ein Gewehr. Ohne sich zu bewegen, blickten sie mich an. Wie Statuen; ihr Gesicht zeigte keine Regung. Ich spürte lähmende Angst. Erst als ich hinter mir die Stimme des Kutschers hörte, löste sich meine Erstarrung.

„Hianni waste“, sagte er zu den Indianern und erhob dabei grüßend die Hand. Unser Begleitschutz stand seitlich und hielt seine Flinte im Arm. Der Lauf zeigte nach oben.

„Ruhig Blut“, flüstere er zu uns, ohne die Krieger aus den Augen zu lassen. „Kiowa. Wahrscheinlich aus dem Kansas-Reservat.“

Der Ältere der beiden, er könnte der Vater des jungen Kiowa gewesen sein, hob ebenfalls grüßend seine Hand. Er sagte etwas in seiner Sprache. Der Kutscher nickte.

„Sie bieten uns Biberfelle an. Im Tausch gegen Salz“, übersetzte er. „Keine Angst, Leute. Es besteht keine Gefahr.“

Der Doktor war da wohl anderer Meinung und trat einen Schritt vor. Er nestelte an seinem Pistolenhalfter und zog die Waffe.

„Verdammte Rothäute“, zischte er. Bevor er schießen konnte, versetzte ihm unser Begleitschutz mit dem Gewehrkolben einen Hieb auf die Hand mit der Waffe. Der Doktor schrie auf, ein Schuss löste sich – und im Nu waren die Kiowa verschwunden. Zu hören war nur noch das Wiehern ihrer im Gebüsch versteckten Pferde und immer leiser werdendes Hufgetrappel.

„Sie elender Narr!“ schrie der Kutscher den Doktor an. „Wegen Ihrer Dummheit müssen wir damit rechnen, von einer Horde wütender Krieger angegriffen zu werden. Und dann Gnade uns Gott!

„Ich wollte doch gar nicht schießen“, verteidigte sich kleinlaut der Doktor.

„Verschwinden Sie in der Kutsche. Vorher geben Sie mir aber Ihre Waffe“, schaltete sich der Begleiter des Kutschers ein. Der Doktor gehorchte ohne Widerrede.

In den folgenden Stunden war die Angst unser ständiger Reisebegleiter, doch ohne Zwischenfall erreichten wir am Abend Tipton. Nach dem Abendessen, es gab die üblichen Bohnen mit Speck, verschwanden alle in den Schlafraum mit den einfachen Pritschen. In meinem Kopf wiegte und ruckelte es noch stundenlang weiter. Erst als die Nacht fast vorbei war, konnte ich einschlafen.

Postkutsche in Westernstadt
Stagecoach, Kalifornien 1889

Am frühen Morgen saß ich mit sechs weiteren Passagieren in der Postkutsche nach San Francisco. Laut Fahrplan würden wir zweiundzwanzig Tage später das Ziel erreicht haben – wenn alles gut ginge. Überfälle von Indianern und Banditen waren zwar selten, aber dass sie passierten, verrieten mir die Einschusslöcher in den Seitenwänden der Kutsche. Dass zu unserem Schutz ein junger Sergeant der US-Kavallerie und ein bewaffneter Begleiter der Company oben auf dem Bock mitreisten, beseitigte meine Befürchtungen nicht.

„Seien Sie unbesorgt, Gentlemen“, versuchte uns der Kutscher zu beruhigen. „Die Gebiete der Apachen werden wir so gut es geht umfahren. Die Route durch Arizona führt jetzt etwas nördlicher.“ 

Alle vier bis sechs Stunden wurden die Pferde gewechselt, an größeren Haltestationen wie in Fort Yuma, El Paso und Tucson hatten wir hier Gelegenheit für eine kurze Nachtruhe. Im Schnitt legten wir am Tag zweihundert Kilometer zurück. Besondere Vorkommnisse gab es keine, so dass der Zeitplan akkurat eingehalten werden konnte. Das forderte einem mitreisenden Bauingenieur der „Union Pacific“ Respekt ab:

„Verdammt gute Arbeit. Ich hoffe, dass die transkontinentale Eisenbahn, die wir in ein paar Jahren bauen werden, genauso zuverlässig sein wird. Komfortabler dürfte die Reise aber in jedem Fall sein.“

Da hat der Mann sicher recht, dachte ich. Kutschfahrten sind eine Tortur. Am besten übersteht man die staubige Ruckelei über Steppen, Wüsten und Berge vor sich hindösend – bis man in einen Zustand gelangt, in dem einem jegliches Zeitgefühl fehlt. Nur, wenn wir nachts durch Indianergebiet fuhren, klappte es nicht so mit dem Dösen. Wir redeten kaum, sondern schwiegen still und horchten besorgt in die dunkle Nacht hinein.

In der kleinen Siedlung Los Angeles am Pazifik begann die letzte Etappe, die uns entlang der Küste durch grüne Täler und über sanfte Hügel führte. Ich bewunderte das majestätische Panorama der im Osten liegenden Berge der Sierra Nevada und war froh, dass wir die karge Wüstenlandschaft von New Mexiko endlich verlassen hatten. Staub und Hitze hatten uns ziemlich zu schaffen gemacht.

Endlich, nach weiteren achtzig Stunden, erreichte die Postkutsche San Francisco. Was für eine prächtige Stadt! Auf den gepflasterten Straßen fuhren mit Dampf angetriebene oder von Pferden gezogene Schienenbahnen, vorbei an mehrstöckigen Backsteinhäusern, Kirchen und von Blumenbeeten umsäumten Plätzen. Der Blick von den Hügeln auf die Stadt hinüber zur Insel Alcatraz war atemberaubend. Wenn es am Himmel Wolken gab, tauchte die sinkende Sonne die Wasseroberfläche der Bay in ein goldenes Licht von unwirklicher Schönheit.

Aus H. Kleinert: „Rückkehr nach Castle Garden“, Roman, erscheint 2024 im Thurm-Verlag

Damaliges San Francisco
San Francisco um 1860
Reisen damals-Lesetipp: „Durch Dick und Dünn“ von Mark Twain
Mark Twains autobiographischer Bericht über seine Reisen mit der Postkutsche durch den amerikanischen Westen in der Mitte des 19. Jahrhunderts ist ein historisch interessanter und äußerst vergnüglicher Leseklassiker, der das legendäre Bild vom „Wilden Westen“ mitbegründet hat (erschienen u.a. bei dtv, München, als Taschenbuch). Buch bei Amazon kaufen (Anzeige)

3 Kommentare zu „Mit der Stagecoach auf der Butterfield Overland Route durch den Wilden Westen“

  1. Ein sehr interessanter Beitrag. Wenn man die Zeit bedenkt, die man damals für eine Reise benötigte für eine solche Strecke. Heutzutage kann man einen Camper mieten und fährt die Strecke in einer Woche ab. Das ist schon eine enorme Entwicklung innerhalb so kurzer Zeit. Wenn man heut einen Camper mieten hat man auch viel mehr Komfort und weniger Anstrengungen. Und sicher auch weniger gefährlich.

  2. Nicht unbedingt. 1991 bin ich von San Francisco nach St. Louis gefahren, mit einigen Abstechern in etwa auf der Butterfield-Route. Nicht mit Auto oder Camper, sondern mit Greyhound-Bussen. Zwei spannende Wochen! Darüber kann ich immer noch ‘ne Menge erzählen …

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